
In einem lesenswerten Artikel in der FAZ, überschrieben mit ‘„Pretty Woman“ und der Mythos’ analysiert Charlotte Schoell-Glass den Filmklassiker:
Ich will das Märchen
Zwischen Pygmalion und Aschenputtel: Julia Roberts und Richard Gere machten die Geschichte von der armen Prostituierten, in die sich der reiche Mann verliebt, zu einem Kassenschlager. Aber der Film ist auch ein Reservoir an Sagen und Märchen.
Exzerpt:
Geschichte eines unwahrscheinlichen Glücksfall: Julia Roberts und Richard Gere auf dem Filmplakat
Vivian, das ist die Lebendige, die Lebensvolle, und Edward heißt ursprünglich „der Hüter des Wohlstands“ oder „der wohlhabende Beschützer“. Hat es sich jemand ausgedacht? Oder ist hier ein kulturell Vorgewusstes am Werk? Edward ist auf das Leben selbst getroffen, das bewegte, unruhige Leben der Schwächen und der Improvisation. Pygmalion wird konfrontiert mit dem Leben – imaginiert als Straßenmädchen -, während der „Künstler“ eher einem Zinnsoldaten in einer Spielzeugwelt gleicht. Seine Werkzeuge sind nicht Hammer und Meißel, es ist die Kreditkarte. Mit ihrer Hilfe wird aus dem Straßenmädchen bald eine Lady.
Nur ihre Körpersprache muss noch reguliert werden. Vivians Beine sind einen Meter und zwölf Zentimeter lang. Sie trägt Schuhgröße 41. Mit diesen extravaganten Gliedmaßen schlenkert sie beim Gehen, im Stehen und vor allem, wenn sie sich unsicher fühlt. Sie verzieht ihr Gesicht, wenn sie Gefühle ausdrückt, und sie besitzt ein elektrisierendes Lächeln, das sie wie einen Scheinwerfer anschalten kann. Kaum in der Hotelhalle angekommen, hören wir Edward sein Leibeserziehungsprogramm beginnen: Nicht das Gesicht verziehen! Werd deinen Kaugummi los und hör auf zu zappeln! Diese Formel zielt auf den Klassenunterschied. Je gemessener und kontrollierter die Bewegungen, desto leichter ist die Illusion der Zugehörigkeit zur Geldelite herzustellen.
Ganzer Artikel
Der liebe Kollege TheTiger aus dem Freiercafe hat den Artikel für uns gelesen und rezensiert:
Die Darstellung der Autorin ist beeindruckend und vollständig.
Jedoch begibt sie sich dabei in eine unendliche Reihe von Literatur- und Filminterpreten, die der Versuchung erliegen, an untauglicher archäologischer Baustelle Ovid und seinen Pygmalion auszugraben.
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