Psychologische Aspekte der Prostitution

Psychologische Aspekte der Prostitution – das ist der Titel einer Forschungsarbeit von Susanne Dierich.
Das Journal für Psychologie berichtet:

Das Thema Prostitution wurde in zahlreichen Studien in der soziologischen Forschung und in der feministischen Frauenforschung untersucht. In der Psychologie wurde die Prostitution bisher eher randständig behandelt. In einer Untersuchung an der TU Berlin wurde eine spezielle Ausübungsform der Prostitution näher untersucht. Es handelte sich dabei um Dominas bzw. Sklavias, die ein spezielles Dienstleistungsangebot für sadomasochistisch veranlagte Männern bereit heilten.

Anhand acht biografischer Interviews wurde ein Vergleich vorgenommen zwischen Dominas, die in der Prostitutionssituation sehr selbstbestimmt auftreten und Sklavias, die in dieser Situation extremer Fremdbestimmung unterliegen. Die Forschungsfrage bezog sich darauf, wie sich Selbst- und Fremdbestimmung durch die anderen Lebensbereiche der Frauen fortführen. Es zeigte sich, dass die Dominas Fremdbestimmung in anderen Lebensbereichen mit ihrer beruflichen Selbstbestimmung kompensieren. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Sklavias sich entgegen der offenkundigen extremen Fremdbestimmung in der Prostitutionssituation als sehr selbstbestimmt erleben.

In der Untersuchung wurden fünf „dominante“ Frauen mit drei „devoten“ Frauen verglichen. Die interviewten Frauen waren in einem Alter von 31 bis 49 Jahren. Alle waren zufrieden mit ihrer Tätigkeit und haben diese auch selbstbestimmt gewählt. Lediglich eine „devote“ Frau arbeitete auf Drängen ihres Freundes im Studio. Zwei Dominas und eine Sklavia waren hauptberuflich tätig. Zwei Sklavias arbeiteten darüber hinaus als Prostituierte. Weiterhin haben alle Interviewpartnerinnen eine abgeschlossene Berufsausbildung bzw. ein abgeschlossenes Studium. Von den acht Frauen sind fünf Frauen in der ehemaligen DDR aufgewachsen und eine Frau ist aus Russland. Die Interviews wurden mit einem Tonband aufgezeichnet und anschließend transkribiert.

Zwei Hauptfragestellungen sollten geklärt werden. Was bewegt Frauen dazu, als Domina zu arbeiten? Es sollten Faktoren herausgefunden werden, die die selbstbestimmte Entscheidung für die Dominatätigkeit bedingen. Durch die bereits erwähnte Tatsache, dass die Dominas im Gegensatz zu den Prostituierten mit den Kunden keinen Geschlechtsverkehr ausüben, bestehen große Unterschiede zwischen beiden Berufsgruppen. Die „devoten“ Frauen sind den Prostituierten in der Hinsicht ähnlich, dass eine große Anzahl von Sexualpraktiken mit ihnen möglich ist. Die Vermutung liegt nahe, dass Sklavias daher eher als Prostituierte einzustufen sind. Inwiefern sie sich von „dominanten“ Frauen hinsichtlich ihrer Biografien unterscheiden, sollte die zweite Fragestellung darstellen.

Vorstellung einer der Interviewpartnerinnen:

Ulla, 35 Jahre, seit 10 Jahren hauptberuflich als Domina tätig

Ulla wuchs als Einzelkind in einem kleinen Ort in der ehemaligen DDR auf. Ihre Kindheit beschreibt sie als „sehr streng, aber sehr wohl behütet“. Ulla empfand die Mutter als „lieb“. Aufgrund von Arbeitsstress hätte die Mutter zwar: „dann auch öfter rumgebrüllt“. „Aber ansonsten, ich hab wirklich ´ne tolle Kindheit gehabt, also ich kann mich nicht beschweren“. Der Vater wird von Ulla als dominant beschrieben: „Ganz streng konservativer Mensch. Also, klare Linie, klare Vorstellungen, sehr dominant“. Das Verhältnis zu ihrem Vater war seit Ullas Jugendzeit problematisch. Aber seit der Geburt ihrer kleinen Tochter hat sich die Beziehung verbessert, und sie fühlt sich sehr unterstützt von ihren Eltern. Das Lernen in der Schulzeit war für Ulla unproblematisch: „Ich war Spitze in der Schule“.

Nach ihrem Abitur hat Ulla Ökonomie (nach der Wende BWL) studiert. Der Berufswunsch war ein anderer: „Ich wollte eigentlich Modedesign studieren“. Die gesellschaftlichen Umstände sprachen dagegen: „Aber das war ja im Osten nicht ganz so einfach. Man kriegte ja nicht das, was man wollte, sondern das, was gerade übrig war“. Es folgte nach dem Studium eine einjährige Ausbildung zur Finanzkauffrau. Ulla arbeitete dann ein halbes Jahr in einer Bank, wo ihr klar wurde: „Ich konnte mich da nicht so wirklich unterordnen in deren System“. Ulla berichtet von massiver sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, was nach ihren Aussagen, auch ein Auslöser für den Einstieg in die Prostitution war: „Die Leute haben mich nie eingestellt, weil ich irgendwas konnte, sondern weil ich so aussah, wie ich aussah. Wenn sie mir eh alle auf den Arsch starren, dann können sie auch dafür bezahlen. Das war für mich ein anderer Aspekt, dafür habe ich mich unterbezahlt gefühlt“.

Sie entschied sich dann, Domina zu werden. Einen weiteren Grund sieht sie auch in ihrer privaten SM-Neigung: „Also ´ne gewisse Neigung muss man schon haben, um diesen Beruf irgendwie durchzuführen“. Ihre sexuelle Vorliebe im SM-Bereich beträfen den aktiven und den passiven Part. Allerdings betont Ulla, dass sie nicht devot sein könnte: „Also ich könnte nie vor jemand kriechen, oder so. Ich kann einfach nicht devot sein. Ich bin so nicht“. Über die Empfehlung des Verkäufers aus ihrem Wäschegeschäft, kam Ulla an eine ältere Domina, die sie zunächst das ganze Repertoire des Prostitutionsgewerbe kennen lernen lies: „Und ich hab dann also wirklich richtig als Prostituierte gearbeitet, auch als Sklavia gearbeitet. Und so nach und nach über das Lernen Bizzar bis hin zum ausschließlichen dominanten Arbeiten alles mitgenommen“. Ulla identifiziert sich sehr stark mit ihrem Beruf, den sie als ihre Berufung ansieht. „Ich kann´s nicht erklären, ich brauch´s einfach. Wenn es nicht da ist, dann fehlt es“. Für Ulla ist der Aspekt der Selbstbestimmtheit in beruflicher Hinsicht sehr bedeutsam. Das sieht sie auch als einen Vorteil ihres Berufes als professionelle Domina: „Also, die Vorteile liegen eindeutig in der Selbstbestimmung. Also einfach, man tut nur Dinge, die einem wirklich Vergnügen bereiten“.

Ulla ist mit ihrem Ehemann seit fünf Jahren zusammen. Diese Partnerschaft bedeutet für sie: „das zu Hause, das ist das Wichtigste eigentlich überhaupt. Der Halt rund rum halt“. Sie beschreibt ihren Partner als dominant und strukturiert. Beide ergänzen sich, da sie ein Bauchmensch sei und er ein Kopfmensch: „Und wir ergänzen uns in der ganzen Linie, und so muss ´ne Partnerschaft sein. Das Wichtigste überhaupt, dass man sich eben perfekt ergänzt“. Privat führt sie mit ihrem Mann eine SM-Beziehung, in der sie den passiven Part übernommen hat. Die Beschreibung ihres Partners als dominant und strukturiert, ähnelt auffallender Weise der Charakterisierung ihres Vaters. Es scheint so, dass sie das Muster der Ehe ihrer Eltern in ihrer eigenen Ehe wiederholt. In der Ehe der Eltern sei die Mutter aufgrund der dominanten Art des Vaters klar in der unterlegenden Position gewesen. Wahrscheinlich dient ihre berufliche Selbständigkeit als Domina auch dazu, um ihre Meinung aufrecht zu erhalten, dass sie in einer gleichberechtigten Partnerschaft lebt.

Aber auch an einer weiteren Stelle wird ein Widerspruch in der Darstellung ihrer Lebensgeschichte deutlich. Da Ulla als einzige von den hier befragten Dominas als normale Prostituierte gearbeitet hat, ist es fraglich, ob sie gleich von Anfang an Domina werden wollte. So lässt sie, durch eine ältere Domina vorgegeben, alles mit sich machen, was in diesem Metier möglich ist. Das deutet darauf hin, dass Ulla, sich entgegen ihrem eigenen Gefühl auch fremd bestimmen lässt. Auch scheint Ullas Selbstbild und das von ihr nahestehenden Personen sehr ins Positive verzerrt.

Zur Forschungsarbeit
[Journal für Psychologie, Jg. 17 (2009), Ausgabe 3]