Sextourismus ist in Rio de Janeiro sehr präsent – und ausdifferenziert: Heutzutage geht es nicht nur mehr um kurzfristigen billigen Sex. Wo Prostitution informell und nicht organisiert abläuft, spielt Intimität eine Rolle. “Damit einhergehend veränderten sich auch die Beziehungsformen und es kommt zu Verhältnissen, in denen Geld und Liebe koexistieren”, sagt Kerstin Tiefenbacher. Die Forscherin hat sich für ihre Dissertation nach Rio begeben, um einen genaueren Blick auf “Globale Intime Beziehungen”, so der Titel ihrer Arbeit, zu werfen.
Diese Veränderungen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Sextourismus nach wie vor geschlechts-, klassenspezifische und rassistische Machtverhältnisse, die in der Kolonialzeit wurzeln, gibt. Im Interview mit Birgit Tombor erzählt Tiefenbacher über die Ausprägungen der Sexarbeit und darüber, dass sie keine einzige Frau getroffen hat, die sich selbst als “Sexarbeiterin” bezeichnet. Sie spricht über die Dominanz des männlichen Sextourismus’, über Erwartungshaltungen und den daraus resultierenden Zusammenhang von Geschlechterhierarchie und Macht.
dieStandard.at: Südamerika liegt in der mainstream-Wahrnehmung und im medialen Fokus eher abseits, wenn es um Sextourismus geht. Da kommen eher Länder wie Thailand oder Tunesien vor. Was hat Sie nach Brasilien verschlagen?
Kerstin Tiefenbacher: Ich denke in der sozialwissenschaftlichen Forschung gibt es – insofern es sich nicht um Auftragsforschung handelt – einerseits immer den persönlichen Zugang zum ausgewählten Forschungsbereich und andererseits die wissenschaftliche Relevanz. Ich finde es sehr wichtig und keineswegs unwissenschaftlich, den persönlichen Zugang zu reflektieren und auch zu kommunizieren. Vor allem in der Kultur- und Sozialanthropologie sollten wir uns im Sinne einer post-kolonialen Kritik die Frage stellen: warum und mit welcher Legitimation beforsche ich das Leben anderer Menschen?
In meinem Fall spielt dabei meine Lebensgemeinschaft mit einem carioca (EinwohnerIn Rio de Janeiros, Anm.) bestimmt eine zentrale Rolle. Einige Einblicke, wenn auch nur sehr oberflächliche, in die brasilianische community in Wien haben außerdem mein Interesse geweckt, sodass ich mich inzwischen seit sieben Jahren wissenschaftlich mit Rio de Janeiro beschäftige.
Andererseits gibt es die wissenschaftliche Begründung, warum nicht Pattaya sondern Rio de Janeiro: Mit der Entwicklung des internationalen Tourismus zum Massenphänomen und der Erschließung neuer Destinationen in Lateinamerika, der Karibik und Afrika seit den 1990er Jahren fand nicht einfach eine globale Verbreitung des Phänomens des klassischen Sextourismus statt, sondern Sexualität und Intimität nahmen im Kontext des Ferntourismus neue Formen an. Die Intimkontakte finden an diesen neuen Destinationen primär in informellen Settings statt, es handelt sich nicht um organisierte Prostitutionsszenen. Damit einhergehend veränderten sich auch die Beziehungsformen und es kommt zu Verhältnissen, in denen Geld und Liebe koexistieren.
dieStandard.at: Wie sah die Feldforschung konkret aus: Wie haben Sie ihre Teilnehmer/innen gefunden und zum Mitmachen gebracht? Schließlich haftet dem Sextourismus ein Makel an.
Tiefenbacher: Ich lege sehr viel Wert auf einen explorativen und offenen Zugang. Das bedeutet einen Balanceakt, sich auf die Vorkommnisse und Gegebenheiten, die man im Feld vorfindet, einzulassen, und gleichzeitig – überspitzt gesagt – auch die eigene Forschungsfrage nicht aus den Augen zu verlieren.
Mein Ziel war es, vertiefte, persönliche Beziehungen zu den Frauen aufzubauen und das ist mir gelungen. Nicht zuletzt deswegen, weil es Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte gab, die sich sehr essentialistisch anhören, im Feld jedoch tatsächlich funktioniert haben: das Mutter sein ist zum Beispiel so eine Gemeinsamkeit, die mich den Frauen näher gebracht hat. Auch das gegenseitige Verstehen wollen hat meine Forschung sehr bereichert und aufgelockert. Zum Beispiel war es den Frauen ganz und gar unverständlich, wieso mein Lebensgefährte es zulässt, dass ich mich nachts mit ihnen in der Bar rumtreibe und er zu Hause auf das Kind aufpasst.
Meine Beobachtung war also teilnehmend, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Bei den Anbahnungsgesprächen war ich noch dabei, im Hotelzimmer dann aber nicht mehr! Ich nahm also so gut es ging am Alltag der Frauen teil, in dem oft die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Wir gingen gemeinsam an den Strand, ins Kino, und verabredeten uns für die Nacht.
Ich will aber nicht verschweigen, dass ich regelmäßig versetzt worden bin, vor allem bei Interviewterminen. Das Aufzeichnen von Interviews stieß bei den meisten auf Ablehnung. Somit habe ich während der Feldforschung meine methodische Strategie geändert und hauptsächlich mit Gedächtnisprotokollen von informellen biografischen und narrativen Gesprächen gearbeitet und intensiv Feldforschungstagebuch geschrieben.
dieStandard.at: Sie sind mit einer Annahme angereist: Sex- und Liebestouristinnen können als Pendant zu männlichen Sextouristen gesehen werden. Davon sind Sie mittlerweile abgerückt – warum?
Tiefenbacher: Ich hatte nicht diese Annahme, sondern stellte mir dir Frage, inwiefern das Phänomen des weiblichen Sextourismus eine Neuverhandlung von Geschlechterrollen ermöglicht und somit zu neuen Formen von Geschlechterbeziehungen führen kann. Diese Frage bleibt weiterhin offen, denn ich habe während meines Feldforschungsaufenthaltes festgestellt, dass der weibliche Sextourismus in Rio de Janeiro nicht wirklich existent ist.
Westliche Touristinnen, die auf der Suche nach einer sexuellen, intimen Begegnung sind, zieht es innerhalb Brasiliens in die nordöstlichen Bundesstaaten, vor allem nach Bahia, Ceará und Pernambuco. Außerhalb Brasiliens sind die Karibik und auch einzelne afrikanische Länder wie z.B. Kenia beliebte Reiseziele. Das mag damit unter anderem zusammenhängen, dass an diesen Orten der Topos des “schwarzen Mannes” als “hypersexueller Kraftprotz” sehr dominant ist, während Rio de Janeiro eine mit weiblichen Attributen und Imaginationen besetzte Stadt ist – Stichwort girl from Ipanema und Sambatänzerinnen. Zwar gibt es in Rio diverse Formen intimer und sexueller Begegnungen und Beziehungen, die sich vor dem Hintergrund des globalen Massentourismus abspielen, jedoch dominieren der hetero- und homosexuelle männliche Sextourismus.
dieStandard.at: Und welche Formen hat der?….