Taxis statt Männerschöße

2 bis 3 Uhr Die Sexbranche schleppt sich dem Ende eines Werktags entgegen. Von Marc Schieferecke

Es geht mir gut. Danke der Nachfrage. Ja, ich habe eine halbe Stunde Zeit. Aber nein, keine Lust.

Für Andersdenkende: In der Branche für sexuelle Dienstleistungen ist der reale Einkommensverlust unübersehbar. Zu D-Mark-Zeiten galt ein Hunderter als Verhandlungsgrundlage für die Standardleistung, Oral- plus Geschlechtsverkehr. Heute beginnen die Tarife um die 30 Euro. Männer mit Bazarerfahrung können die Hälfte davon wegfeilschen. Wer das für erwägenswert hält, möge eine Denksportaufgabe lösen. Die Damen zahlen für ihr Zimmer 100 Euro pro Schicht. Macht, allein für die Miete, wie viele Freier? Übrigens war der HIV-Test im vergangenen Jahr bei 23 Prostituierten in Stuttgart positiv.

Es ist Donnerstag, genau genommen früher Freitag, der Werktag im Leonhardsviertel schleppt sich seinem Ende entgegen. Die Huren setzen sich in Taxis statt auf Männerschöße. Betrieb herrscht nur beim Brunnenwirt, zweimal Curry spezial, bitte.

Bei den Hells Angels brennt kein Licht mehr. Ihr Haus war früher das Spielzeugmuseum. Vor ein paar Jahren hatte das ehrwürdige Bankhaus Ellwanger und Geiger die Immobilie im Angebot. Allerdings nicht lang, wegen “Verwicklungen zwischen Verkäufer und potenziellen Interessenten”. So sagte es damals der Makler. Jetzt also Hells Angels statt Spielzeug. Unter anderem deswegen klagt jeder vom Bezirksbeirat bis zum Verschönerungsverein, dass sich das Rotlichtviertel ausbreitet. Das ist nicht ganz richtig. Das Rotlichtviertel holt sich zurück, was einst des Rotlichtviertels war.

Chantal ist so schwarz wie Ghana, denn dort ist sie geboren. Vermutlich ist das wahr, und möglicherweise heißt sie tatsächlich Chantal. Hinter ihr laufen auf zwei Bildschirmen des Formats Tiefkühltruhe Pornos. Szenen, die üblicherweise kein Ehebett zu sehen bekommt, in Großaufnahme. Ach das, sagt Chantal. Ihr gefällt das nicht, sie ist ein katholisches Mädchen. Und sauber. Samstags ist das Programm übrigens christlicher. Da läuft Fußball.

Chantal will wissen, wie alt sie aussieht. Sie streckt ihre Oberweite, Körbchengröße knapp unter Mittelgebirge, Körbchengröße Mittelgebirge ist ihre Schwester, die gegenüber sitzt. “Wo guckst Du hin?”, fragt Chantal. Na was denkst Du. 37 Jahre ist sie alt und trotzdem so glatte Haut, fass mal an, das ist so bei Schwarzen. In ihrer Freizeit trifft Mann sie im Hotel Maritim an der Bar und könnte ihr ein Glas spendieren, um mit ihr zu plaudern. An ihrem Arbeitsplatz sollten daran interessierte Herren Höflichkeit gegen Sparsamkeit abwägen. Die Drinks sind teurer als eine halbe Stunde im Hinterzimmer.

Draußen flüchtet ein Mädchen vor der Kamera. Nein, wir haben Dich nicht fotografiert. Gott sei Dank, sagt sie, sie kommt aus einer katholischen Gegend und ist selbst Katholikin. Der Papst sollte erwägen, hier einmal die treusten seiner Schäfchen zu besuchen. Christliche Nächstenliebe hätten sie nötig. Zuhälterei ist seit 2002 praktisch nicht mehr strafbar. Deshalb spricht Wolfgang Hohmann lieber von “Freunden auf der untersten sozialen Schwelle” als von Zuhältern. Er leitet den Ermittlungsdienst Prostitution der Polizei. Wer ihn nach den Arbeitsbedingungen der Prostituierten fragt, hört von Vergewaltigung, Prügel, 20-Stunden-Schichten.

Sandra ist evangelisch, blond und verdächtig, auch schon Michelle gewesen zu sein. Sie ist eins der sechs Mädchen, die heute hier an Stangen strippen. In dieser Nacht lohnt der Aufwand nicht. Vier Gäste sind da, drei Männer, eine Frau. Die Mädchen sind aus Osteuropa und Schönheiten, keine Frage. Während sie auf ihren Auftritt warten, haben sie unwesentlich mehr an als nach dem Strip. Die Bar hat auch nicht mehr zu verbergen als sie. Wer mag, kann sich hier für einen Geburtstag oder einen Junggesellenabschied einbuchen. Näheres gibt”s im Internet, samt Fotos der Mädchen. Und er holt gern den Chef für ein Interview, sagt Peter, der die Tür bewacht.

Danke, Sandra, mir geht”s gut, aber Deine Drinks sind mir zu teuer und nein, ich habe keine Lust auf einen Lapdance. Na dann, sagt sie, zuckt die Schultern und setzt sich einen Tisch weiter. Drei Uhr. Feierabend.

3 bis 4 Uhr Im nächsten Serienteil, der am

Mittwoch, 23. November, erscheint, verbringen wir eine Stunde bei einem Bäcker im Westen.

Gesaamter Artikel: stuttgarter Zeitung.de