Damals war in Flugblättern zu lesen: “Wer sich dennoch entschließt, den Film zu besuchen, macht sich zum Wegbereiter des Kultur-Bolschewismus. Er soll sich nicht beklagen, wenn morgen oder übermorgen der militärische oder politische Bolschewismus über uns hereinbricht. Und die Frauenwelt, die sich den Film ansieht, soll nicht jammern, wenn sie später entsprechend gewertet und behandelt wird.” Heißt: Frauen, welche “Die Sünderin” anschauen, sind selbst schuld, wenn sie schließlich von den bolschewistischen Horden vergewaltigt werden. Es nützte natürlich alles nichts, die Leute liefen massenweise erst recht in den Film.
Doch wurde der Sittenverfall – da ging es argumentativ drunter und drüber – gern auch mit den Amerikanern mit ihrer angeblich oberflächlichen Kultur in Verbindung gebracht, wahlweise auch mit dem sittenlosen Nationalsozialismus. “Im Sittlichkeitskampf ließ sich moralischer Reflexionsbedarf in Bezug auf die NS-Vergangenheit abarbeiten”, sagt Steinbacher.
Wie widersprüchlich und verlogen dieser Kampf war, geht auch daraus hervor, dass die beamteten Sittlichkeitskämpfer bei Polizei und anderen Behörden nicht selten ehemalige und rehabilitierte Nationalsozialisten waren. Steinbacher macht immer wieder auf “die handfesten Zusammenhänge zwischen rigider Sexualmoral und nationalsozialistischen Tätern als deren Exekutoren” aufmerksam – “eine Tatsache, keine Einbildung der protestierenden Jugend der späten sechziger Jahre”. Dem Kampf gegen den Sittenverfall widmeten sich die Justiz, das Bundeskriminalamt – und in jedem Bundesland eine eigene Zentralstelle für jugendgefährdende Schriften.
Steinbacher schildert ausführlich die unternehmerische Karriere von Beate Uhse. Jahrzehntelang beschäftigten sich die Gerichte mit ihr. Doch die Bevölkerung kaufte millionenfach jene Broschüren und Artikel, die Beate Uhse und viele andere Versandhändler zur Verbesserung der “Ehehygiene” anboten. Steinbacher: “Fortschritt war die kulturelle Orientierungsnorm der Zeit, und Erotikkonsum entwickelte sich zum Symbol gestiegenen Lebensstandards. Sex und alles, was dazu gehörte, wurden zum konsumierbaren Freizeitvergnügen und zum Ausweis eines guten, sozusagen modernen Lebens.”
Die Konsumgesellschaft fegte die Sexualmoral der bürgerlichen Eliten hinweg, die laut Steinbacher seit dem Kaiserreich “stets als Hilfskonstrukt gegen die Moderne fungiert” hatte. Sex wurde selbst zum Konsumgut. Illustrierte wie Quick und Stern profitierten von der Sexwelle und trieben sie gleichzeitig voran. Schließlich resignierte die Kirche, und auch der Staat machte sich am Ende die Ansicht zu eigen, dass er nicht zu bewerten habe, was die Bürger in ihren Betten treiben. Mit der Strafrechtsreform der sozialliberalen Koalition wurden zahlreiche Verstöße gegen die Sittlichkeit entkriminalisiert; auch die Verbreitung unzüchtiger Schriften war nicht mehr verboten. Seither ist Sex allgegenwärtig: in den Medien, im Kino, im Pop, in der Werbung.
Auch wenn die “sexuelle Revolution” neue Zwänge schuf und schon gar nicht, wie die 68er gemeint hatten, die politische Revolution vorantrieb, so trug sie doch dazu bei, das alte Frauenbild zu zerstören. In der bürgerlichen Familie war die Frau Hüterin der Familie, das hieß, auch von Sitte und Anstand. Und das bedeutete, dass sie den Mund halten, keine Ansprüche stellen und dem Manne untertan sein sollte. Diesem Bild folgte die Mehrheit der Frauen nicht mehr, und so mussten Kirche und bürgerliche Eliten ohnmächtig ansehen, wie ihre Deutungshoheit über die Sexualmoral verfiel. Und Deutungshoheit ist eben immer auch ein Stück Macht.
– Sybille Steinbacher: Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik. Siedler Verlag, München 2011. 576 Seiten, 28 Euro.