Romane über Prostitution: „…die lüstern nach dem Besitz Nanas glühten“

Die Darstellung der Prostituierten in der Literatur – einige Beispiele…

Was lehren uns Romane über die Prostitution? Dass für die Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts dasselbe gilt wie für die Debatte heute: Wenn von Prostitution die Rede ist, geht es fast nie um die Frau.

06.12.2013 | 18:34 |  von Bettina Steiner  (Die Presse)

Das Ende von Zolas Roman ist dramatisch: Nana, die Pariser Edelprostituierte, wie man sie heute nennen würde, kehrt zurück von ihrer langen Reise und findet ihren kleinen Sohn todkrank vor. Er hat die Pocken – und die lebenstolle Nana, die halb Paris den Kopf verdreht hat, die angeblich moralisch gefestigte Männer in den Ruin oder in den Selbstmord getrieben hat, steckt sich an. Grausam von den Blattern verunstaltet wird sie sterben. „Ein greller Schein beleuchtete plötzlich das Gesicht der Toten; alle erschraken und flohen zitternd.“

Strafe muss sein. Auch oder gerade im französischen Naturalismus, der so naturalistisch ja nicht ist, der die Zeitgenossen eher mit seinen Motiven, mit der Wahl des Milieus, von dem er erzählte, schockierte als durch Realitätsnähe. Auch für „Nana“ (1880) gilt: Wenn in der Literatur eine Prostituierte auftritt, geht es fast nie um die Frau und fast immer um die Moral.

Symbol der verkommenen Gesellschaft

Bei Zola erfahren wir via Nana von der Verkommenheit der Gesellschaft. Und nein, Nana ist nicht verkommener als ihre Freier. Aber eben doch ein fragwürdiges Weib, das mit den klassischen „Untugenden“ der „leichten Mädchen“ behaftet ist: Eitel ist sie und naschhaft, herrschsüchtig, den eigenen Lüsten und Gelüsten ausgeliefert. Wir werden ihr in der Literatur immer wieder begegnen, sie heißt dann nur anders: Cathy etwa in John Steinbecks „Jenseits von Eden“.

Das ist das eine Klischee. Die Hure als Femme fatale, als Sinnbild der dunklen Triebe. Das andere Klischee liefert uns etwa Dostojewski: Sonja aus „Verbrechen und Strafe“ (für Fans der alten Übersetzung: „Schuld und Sühne“) ist eine Heilige, in Inhaltsangaben taucht sie gern als „tugendhafte Prostituierte“ auf. Sie ist tief gläubig und wird Raskolnikow überreden, sich zu stellen und für sein Verbrechen zu sühnen. Sonja ist, wie überraschend viele Prostituierte in der Literatur, aus gutem Haus. Die Armut zwingt sie dazu, sich zu verkaufen. Wobei – eigene Not reicht, scheint’s, noch nicht aus – es ihr nicht ums eigene Überleben geht, sondern um das der Familie, der kleinen Geschwister.

Sie opfert sich – und bleibt auf diese Weise „rein“, auch wenn ihr Körper „beschmutzt“ wird: Sonja ist prototypisch für die gute Hure, ein Beispiel dafür, wie auch große Autoren versagen, wenn es um die Gestaltung von Frauenfiguren geht. Nicht so gute scheitern noch deutlicher: Hugo Bettauers Grete – eine Bewohnerin der „Freudlosen Gasse“, die dem Roman den Titel lieh – ist adelig, war fünf Jahre lang Klassenbeste in einem Mädchengymnasium, bis ihr Vater sich verspekulierte und in der Folge erschoss. Die 17-Jährige ist nun allein für das Wohl der fünfköpfigen Familie verantwortlich. Bettauer beschreibt in „Die freudlose Gasse“ in dramatischen Worten, wie die brave Grete ihre Arbeit verliert, weil sie ihren zudringlichen Chef zurückweist, wie sie leidet am Elend der jüngeren Geschwister, wie sie nichtsahnend in die Fänge einer üblen Kupplerin gerät…

Bettauer geht es um die Verdeutlichung des Elends, um die Fallhöhe. Der Gedanke dahinter: Tiefer geht es nicht. In der Notwendigkeit, den eigenen Körper zu verkaufen, gipfelt der Kapitalismus. So wie für manche Feministinnen in der Prostitution quasi das ganze Übel des Patriarchats sichtbar wird. Die Prostitution als Symbol. Das gilt für Dostojewski, für Bettauer, aber auch für Zola: „Ihr Werk der Zerstörung und des Todes war vollendet: Die Fliege, die, im Kot der Vorstädte geboren, mit ihrem Gift gärende Fäulnis in der menschlichen Gesellschaft verbreitete, hatte jenen Männern schon durch ihre bloße Berührung den Todeskeim eingeflößt. So war es recht. So hatte sie Rache geübt für ihren Stand, für die Enterbten und Verlassenen.“

Noch ein dritter Typus Hure wird in der Literatur immer wieder beschrieben, der auch in der aktuellen Debatte häufig auftaucht: die Prostituierte, die ihr Gewerbe ausübt, die einer Arbeit nachgeht wie andere auch. Sie weiß um den Wert ihres Körpers Bescheid und trägt ihn zu Markte. Guy de Maupassant – der im Alter von 42 Jahren den Folgen der Syphilis erlag – schildert so ein fast bürgerliches, wohlorganisiertes Leben im Bordell. Besonders schmeichelhaft hat Guy de Maupassant die Prostituierten nicht beschrieben: „Ihre krumme Nase bog sich auf ein starkes Gebiss herab, oben mit zwei neuen falschen Zähnen, die von denen im Unterkiefer, welche allmählich eine dunklere, altem Holz ähnliche Färbung angenommen hatten, abstachen“, weiß er über eine Raphaela zu berichten, und eine ihrer Kolleginnen kommt nicht viel besser weg: „Ihr flachsartiges, spärliches, kurzes Haar war farblos wie gekämmter Hanf.“

Nun wäre zu vermuten, dass Guy de Maupassant die Realität ungeschminkt beschreibt. Doch am Ende der Novelle bittet die Puffmutter zu einem rauschenden Fest: einem Abend mit viel Sex und viel Champagner. „Endlich erklärten um ein Uhr die beiden Verheirateten, Herr Tourneveau und Herr Pimpesse, dass sie nach Hause gehen müssen und verlangten die Rechnung. Nur der Champagner wurde angerechnet und sogar bloß mit sechs Franken die Flasche statt zehn, die er gewöhnlich zu kosten pflegte.“

Nun ja: Männerfantasie.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 07.12.2013)

Quelle: http://diepresse.com

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Callgirl – Das Mädchen von nebenan

Zur Abwechslung mal ein Artikel über eine Prostituierte, die ihrem Beruf nicht aus Geldnot sondern wohl tatsächlich aus Spaß an der Arbeit nachgeht. Jackie ist Soziologiestudentin und hat sogar ein Buch geschrieben…

Von Solmaz Khorsand

  • Prostitution: Zwang oder freiwillig? Opfer oder selbstbestimmt? Ganz Europa debattiert
  • Mit einem Wiener Callgirl in François Ozons Lolita-Film “Jung und schön”

Wien. “Es herrscht Krise”, sagt der alte Mann. Besorgt schaut er auf die junge Frau, die sich vor ihm entkleidet. Sie könnte seine Enkelin sein. Schüchtern behauptet sie, Studentin zu sein. Literatur im zweiten Semester. Nebenbei schläft sie mit Männern. Für 300 Euro die Stunde. Irgendwann tut sie es für 500 Euro. Krise eben. “Ich sollte mehr verlangen”, flüstert Jackie und kichert. Es ist 19 Uhr in der vierten Reihe des Cine Kinos am Fleischmarkt. Auf der Leinwand läuft François Ozons gefeierter Lolita-Streifen “Jung und schön”, ein Film über eine 17-jährige Schülerin aus gutem Hause, die beginnt, sich zu prostituieren.

“Woher nehmen die Regisseure und Drehbuchautoren so etwas? Wieso glauben Sie, dass jemand auf Dauer so viel Geld bekommt, wenn er ein steinernes Gesicht macht und nichts tut”, schnaubt Jackie. Entrüstet schaut sie ihr Gegenüber an. Es ist knapp nach 21 Uhr im Café Markusplatz im 1. Bezirk. Zwei Stunden lang hat sie gemeinsam mit der “Wiener Zeitung” im Kino mitangesehen, wie die schöne Isabelle durch edle Hotels stöckelt, Männer befriedigt, sich herumkommandieren lässt und dabei so unendlich melancholisch dreinblickt.

Kein Bedarf für Retter mit Pretty-Woman-Komplex
Jackie kennt diese Hotels, die wortkargen Männer und die grünen Euro-Scheine auf dem Nachttisch. Und sie weiß, dass es anders geht. Seit sechs Jahren ist die 28-Jährige “Jackie, ein Mädchen aus Wien”, wie sie sich in ihren Blog nennt. Jackie ist eine Hure. Eine Prostituierte. Ein Call Girl. Ganz Europa weiß nicht, wie es mit Frauen wie Jackie umgehen soll. Soll ihr Gewerbe verboten werden? Sollen die Freier bestraft werden, wie es das französische Parlament diese Woche beschlossen hat? Und überhaupt, gibt es so etwas wie freiwillige Prostitution?

Oft wird Jackie diese Frage gestellt. Mit empathischem Blick und sanfter Stimme. “Dieser Paternalismus ist bei mir nicht nötig”, sagt sie entnervt. Sie ist kein Opfer, hatte keinen bösen Onkel in ihrer Kindheit, hängt an keiner Nadel und wartet auch nicht auf einen Retter mit Pretty-Woman-Komplex. Sie hat Spaß an ihrem Job, sagt sie. Sie macht es wegen dem Abenteuer, dem Kick, dem Sex mit verschiedenen Männern, denen sie alles vormachen kann, worauf sie Lust hat. Mal Femme Fatale, mal Unschuld vom Land, aber am liebsten: das Mädchen von nebenan in Schlabberpulli, Jeans und flachen Schuhen.

Heute hat sie sich zurechtgemacht, die junge Frau mit dem schmalen mädchenhaften Körper. Brav sieht sie aus mit den langen blonden Haaren, die sie zu einem strengen Zopf zurückgebunden hat, dem dezenten Make-up und der schmalen Sekretärinnen-Brille. Sie trägt ein graues langes Kleid, dazu Mary-Poppins-Pumps. Ein bisschen erinnert sie ihr Gegenüber an eine Klarinettenspielerin. Zurückhaltend, gouvernantenhaft, fast bieder. Nur wenn sie sitzt, fällt auf, dass das graue Kleid zwei lange Schlitze hat, die den Blick freigeben auf die dünne schwarze Strumpfhose mit einem verspielten Muster auf den Außenschenkeln. “Ich habe das Gefühl, dass das eine Möglichkeit ist für ein ausschweifendes Sexualleben, ohne jetzt die riesigen Verführungskünsten in freier Wildbahn zu haben. Das heißt ja nicht, dass man fad ist beim Sex”, erklärt sie.

150 Euro. Das ist Jackies Stundensatz. Wie viel sie im Monat verdient, will sie nicht verraten. Auch nicht, mit wie vielen Männer sie bisher zu tun hatte. Begonnen hat alles mit einer Fantasie zwischen ihr und ihrem Freund. Was wäre, wenn sie eine Hure wäre, die für Sex mit Fremden Geld nimmt. Erregend war diese Vorstellung für die beiden. “Ich habe mir gedacht, wenn ich das nicht mache, dann bin ich der Feigling und bereue es später”, sagt sie, “und dann geht mir irgendwann einmal etwas ab.”

Eine Woche lang spielte die damals 22-jährige Soziologiestudentin mit dem Gedanken. Eines Abends stolperte ihr auf ihren Weg nach Haus ein beschwipster Mann aus einer Bar vor die Füße. Es war Sommer. Die Uniferien hatten gerade begonnen. Er grüßte. Sie grüßte zurück. Und lächelte. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Und ein paar Stunden später hatte sie die ersten hundert Euro kassiert für eine Stunde Sex. Jackie war geboren.

Anfangs war es elektrisch, erzählt sie. Später konnte sie es mehr genießen, wusste, wie sie die Unerfahrene mimt, die sich ihre Kunden so gerne wünschen, und dabei genau zu wissen, wie sie die “Jungs” händelt. “Meine Jungs”, sagt sie dabei. Es klingt gütig, fast schon mütterlich, auch wenn viele der Männer doppelt so alt sind wie sie.

Vor zwei Jahren hat sie ein Buch herausgebracht: “Hurentaten.” Detailliert beschreibt sie darin ihre Treffen, den Spaß, das Abenteuer, aber auch die Erniedrigung, wenn einer nicht zahlt, oder die bangen drei Wochen, wenn einmal das Kondom geplatzt ist.

Vom Stück Fleisch zur selbstbestimmten Hure
Anfangs hat sie noch Fehler gemacht, nicht gleich nach dem Geld verlangt. Oder einen Kunden oral ohne Kondom befriedigt. Das passiert heute nicht mehr. Verärgert schüttelt Jackie den Kopf über ihr unerfahrenes Ich von damals. Heute hat sie ein klares Prozedere: E-Mail, Anruf, Treffen. Nie trifft sie die Männer an unbekannten Orten, wie dem FKK-Strand in der Lobau, was sich viele wünschen. Während jedes Treffens ruft sie ihren Freund an, gibt ihm Bescheid, wie lange sie bleiben wird. Sie vergewissert sich, dass sie auch überall Empfang hat auf dem Handy, sodass ihr Partner sie erreichen kann, falls sie sich verspäten sollte. Und sie kassiert das Geld am Anfang.

Es sind diese Lernprozesse, die Jackie auch in Ozons Film genau beobachtet hat. Als beispielsweise Isabelle das Kondom bei ihren Kunden durchgesetzt hat. Wie streng sie plötzlich ihren Lohn einforderte, nachdem sie einmal um ihr Geld geprellt worden war. Und dass sie gegen Ende des Filmes so viel dazugelernt hatte, sodass sie ihrem Freund im Schlafzimmer mit einer flinken Fingerübung ein paar Minuten länger bei der Stange halten konnte. Wie kleine Siege führt Jackie diese Beispiele an. Als Beweis dafür, wie plötzlich aus dem schönen Stück Fleisch eine selbstbestimmte Hure wurde, die eine Dienstleistung anbietet: Zuwider sind Jackie die Filme, in denen Prostitution als Abwärtsspirale in Gewalt, Exzess und Abhängigkeit dargestellt wird. “Ich sehe nicht ein, dass wir alle als passiv, dumm und als Opfer dargestellt werden.”

Kontrolle ist wichtig in Jackies Leben. Dass sie jederzeit Nein sagen kann. Dass sie jederzeit aufhören kann. Dass sie, die studierte Soziologin, Alternativen hat. Dass sie nicht angewiesen ist auf das Geld. Dass sie nicht zu den Frauen gehört, die stumm über die Schulter ihres Freiers die Uhr an der Wand fixieren und die Sekunden runterzählen, bis die Stunde zu Ende ist. “Ich verkaufe eine Dienstleistung und dem Typen eine gute Zeit. Sehr oft habe auch ich eine”, sagt sie.

Und was, wenn nicht? Was, wenn ihr einer einmal nicht gefällt? Sie zu etwas zwingt, das sie nicht will? “Die Menschen sind nicht so böse, wie man denkt. Es hat mir noch nie jemand etwas getan, nur weil ich nicht gemacht habe, was er wollte”, erzählt sie. Nein ist Nein. Auch in ihrem Job. Kaum tauscht sich Jackie mit Frauen aus der Szene aus. Sie sieht die anderen gemeldeten Prostituierten nur einmal pro Woche bei der Untersuchung, wo ihr “der Staat in den Intimbereich” schaut. Dann sieht sie die Frauen vom Straßenstrich, von den Bordellen und die Konkurrenz. In der Regel arbeiten die Callgirls, die sie kennt, zwei bis drei Jahre in dem Geschäft.

An das Aufhören denkt sie nach sechs Jahren nicht. Zu sehr reizt sie noch das Abenteuer, sich chic zu machen, Orte zu sehen, die sie privat nicht besuchen würde, und die vielen Rollen, die sie spielen kann.

Wie würde die Mutter auf das Doppelleben reagieren?
Nur ihr Partner und enge Freunde wissen von ihrer Einkommensquelle. Gelegentlich lässt sie ihr Fachwissen im Alltag einfließen, beim Seminar in ihrem Zweitstudium, wenn der Professor hilflos in die Runde fragt, was denn ein Laufhaus sei, oder Bekannte sich wundern, ob Frauen denn tatsächlich Analsex mögen können. Dann muss Jackie schmunzeln.

Ihren Eltern wissen nichts von ihrem Beruf. Sie weiß nicht, wie sie reagieren würden. Vielleicht so wie die Mutter in dem Film, als sie vom Doppelleben ihrer Tochter erfährt und auf sie einschlägt. “Ihr ist dann die eigene Tochter ekelhaft geworden”, sagt Jackie. “Aber nach dem ganzen Duschen ist nichts Ekelhaftes mehr dran. Höchstens eine trockene Haut. Wir sind nicht aus Zucker, wir gehen nicht weg, wir können nicht verbraucht werden.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/?em_cnt=592462

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/?em_cnt=592462&em_cnt_page=2

Nebel im Sperrbezirk

Ein berechtigter und wichtiger Einspruch der Zeit in Bezug auf die Zahlen und Statistiken, auf die sich in der gegenwärtigen Diskussion immerzu berufen wird. Es gibt keine verlässlichen Studien oder Zählungen im Bereich Prostitution. Somit argumentieren alle Beteiligten mit mehr oder minder fiktiven Zahlen!

Die Prostitutionsdebatte leidet unter einem großen Manko: Es fehlen verlässliche Untersuchungen. von Caroline von Bar

Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt: Es ist nichts Ungewöhnliches daran, dass bei gesellschaftlichen Großkontroversen jede Seite diejenigen Zahlen anbringt, die zu ihren Argumenten passt. An der Prostitutionsdebatte der vergangenen Wochen allerdings fällt auf, wie wenige Fakten überhaupt genannt werden – und wie beständig die immer gleichen Zahlen kursieren, ohne dass klar ist, woher sie kommen.

Angeblich gibt es in Deutschland, so liest und hört man immer wieder, 400.000 Prostituierte. Die Anstifterin der Debatte, Alice Schwarzer, sprach zu Beginn von 700.000 Huren, hat sich aber nach unten korrigiert. Sie bleibt jedoch bei der Feststellung, dass die allerwenigsten Prostituierten ihre Arbeit freiwillig machten – bis zu 90 Prozent seien als Kind missbraucht worden.

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Die letztgenannte Prozentzahl stammt immerhin aus der Farley-Studie, die Schwarzer in der ZEIT (Nr. 49/13) erwähnte und die 2009 in neun Ländern durchgeführt wurde. Damals wurden in Kanada, Kolumbien, Deutschland, Mexiko, Südafrika, Sambia, Thailand, in der Türkei und in den USA Prostituierte befragt. In Deutschland waren es, wie in der Studie nachzulesen ist, ganze 54 Prostituierte in Hamburg, darunter zumindest ein Teil aus einer Unterkunft für Drogenabhängige. Von diesen in Hamburg vor mehreren Jahren interviewten 54 Prostituierten gaben genau 26 an, als Kind missbraucht worden zu sein, also 48 Prozent. Das ist grauenhaft genug – aber wie repräsentativ ist es?

Gegenüber anderen in der Rotlichtdebatte kursierenden “Fakten” ist noch größere Vorsicht geboten, und die Herkunftsanalyse gestaltet sich viel komplizierter. Das gilt insbesondere für die Zahl der Prostituierten. Wie errechnen sich die oft zitierten 400 000? Neu ist diese angeblich “seriöse Schätzung” nicht, sie wurde bereits 2001 in der offiziellen Begründung für das damals beschlossene Prostitutionsgesetz genannt. Wie ein hartnäckiger Reporter der Welt am Sonntag herausfand, nutzt auch das Statistische Bundesamt intern die Größenordnung 400 000 als “Zuschätzung”, um zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland zu berechnen. Denn zum BIP gehören laut europäischer Definition auch jene volkswirtschaftlichen Leistungen, die (legal oder illegal) im Rotlichtmilieu erbracht werden. Die Wiesbadener Statistiker betonen aber in einer schriftlichen Erklärung, dass ihren Zahlen zur Prostitution keine statistischen Erhebungen zugrunde lägen und man sie deshalb eigentlich nicht veröffentliche – die “üblichen Qualitätsmaßstäbe” gälten hier explizit nicht.

Alle nutzen diese Zahl, gefühlt schon immer – aber wer hat sie erfunden? Die Soziologinnen Barbara Kavemann und Elfriede Steffan erforschen seit Jahren die Situation der Prostituierten in Deutschland. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Aufsatz schreiben sie, die Zahl der Prostituierten in Deutschland werde “weit überschätzt”. Die Zahl von etwa 400 000 Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen mit einer Million Kundenkontakten pro Tag sei bereits Ende der 1980er Jahre in der Aktivistinnen-Szene entstanden und entbehre jeder “wissenschaftlichen Grundlage”. Seriöse Hochrechnungen seien damals auf 64 000 bis 200 000 Prostituierte gekommen. Neuere Schätzungen dieser Art lägen nicht vor. “Insgesamt ist festzustellen”, schreiben Kavemann und Steffan, “dass zum Thema Prostitution in Deutschland zu wenig Erkenntnisse vorliegen.”

Die Öffentlichkeit diskutiert also mit aller Leidenschaft über ein Gewerbe, von dem wir noch nicht einmal wissen, wie viele Frauen und Männer es betrifft. Alice Schwarzer schreibt, in 90 bis 95 Prozent der Fälle würden die Freier “auf billige, verfügbare Frauen” treffen, die “oft kein Wort Deutsch können”, und beruft sich dabei auf Polizeischätzungen. Das europäische Netzwerk Tampep kam durch Befragungen insbesondere von Sozialarbeitern 2008 auf einen Migrantenanteil von 65 Prozent unter den Prostituierten in Deutschland. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Vielleicht auch nicht. Der Migrantenanteil wird regional und in den verschiedenen Bereichen der Prostitution unterschiedlich hoch eingeschätzt. Es gibt eine Art Grundkonsens, wonach wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Prostituierten ausländischer Herkunft ist. Aber genau weiß es niemand.

Die Frage, wie viel Prozent der Prostituierten zu ihrer Arbeit gezwungen werden, lässt sich vor diesem Hintergrund kaum beantworten – zumal es keinen Konsens darüber gibt, wo Zwang in der Prostitution anfängt und wo er aufhört. Es gibt lediglich Zahlen des Bundeskriminalamts, wonach im Jahr 2011 640 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ermittelt wurden.

Das Familienministerium nimmt das Zahlenwirrwarr offenbar hin. Auf der Homepage ist nachzulesen: “Zur Anzahl der Prostituierten in Deutschland gibt es keine fundierten statistischen Daten.” Nur, warum eigentlich nicht? Eine “zuverlässige Einschätzung”, heißt es auf der Ministeriumswebseite, werde auch dadurch erschwert, dass viele Frauen “dieser Tätigkeit nur nebenbei, gelegentlich oder für einen kurzen Lebensabschnitt nachgehen”. Die Soziologie-Professorin Kavemann von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin fügt auch die Mobilität der Prostituierten an: Nur wenige hätten einen festen Standort. Wer zählen will, läuft also Gefahr, doppelt zu zählen. Kavemann weist außerdem darauf hin, dass sich die Prostituierten nicht amtlich registrieren müssten – was angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung auch nicht wünschenswert sei.

Ist es also schlicht unmöglich, herauszufinden, wie viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter es gibt? “Nichts ist unmöglich!”, antwortet Barbara Kavemann. Vielmehr sei die Prostitution “kein Thema, das die Politik gern aufgreift”. Im Klartext: Für Studien über Prostitution will niemand Geld ausgeben. Elfriede Steffan vom Forschungsinstitut SPI betont, es gebe nur “sehr eingeschränkt” Daten zur Prostitution, in jeglicher Hinsicht. Ihr sei beispielsweise keine einzige repräsentative Befragung über die Einstellung der Bevölkerung zur Prostitution in Deutschland bekannt.

Nach all den Debatten scheint das Rotlichtmilieu also noch immer eine Art Sperrbezirk zu sein. Zumindest für die Wissenschaft.

Quelle: http://www.zeit.de/2013/50/prostitution-debatte-fakten-zahlen

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Herford: Rotlicht hat Konjunktur

Zahl der Bordelle ist seit 2002 gestiegen / Warum es weniger Ermittlungsverfahren gibt
VON JOBST LÜDEKING
Herford. “Es ist keine Entwicklung, auf die wir stolz sein können”, kommentierte Herfords ehemaliger Landrat Manfred Kluge (CDU) bei einer Veranstaltung zum Thema Innere Sicherheit im Jahr 2001 die Existenz von 22 Bordellen im Wittekindsland. Mittlerweile ist die Zahl längst überholt. Auf rund 70 Bordelle und bordellähnliche Etablissements wird der Rotlicht-Sektor zwischen Rödinghausen und Herford mittlerweile geschätzt.
In Herford, aber auch in Bünde, Löhne oder Kirchlengern haben die “Betriebe” ebenfalls in den letzten Jahren Konjunktur. Nahe der Bünder oder der Ahmser Straße in Herford haben sich seit 2002 bereits neue Bordelle etabliert.

Entgegengesetzt verlief die Entwicklung bei der Justiz: Strafverfahren wegen ausbeuterischen Menschenhandels im Rotlichtbereich gibt es kaum noch. Der bis 2002 übliche Straftatbestand “Förderung der Prostitution” wurde gesetzlich abgeschafft und gerade viele Frauen aus Osteuropa haben durch den Beitritt ihrer Heimatstaaten zur EU ein Aufenthaltsrecht erhalten.

Ist jedoch wirklich alles in Ordnung, der Rotlicht-Bereich einfach nur eine florierende Branche? Mira von Mach von der kirchlichen Hilfsorganisation Nadeschda in Herford, die sich für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt und die Frauen betreut, glaubt aufgrund ihrer Erfahrungen nicht daran.

Auch Ermittler sind da skeptisch. Von Mach sieht hier aber gerade die Polizei am Zug: ” Im Bereich Prostitution ist es wie beim Drogenhandel. Es ist ein Kontrolldelikt.” Wenn nicht kontrolliert werde, gebe es keine registrierten Verstöße, die geahndet werden könnten. Doch die Zahl der Polizisten in Herford schrumpft stetig, während die Zahl der Rotlicht-Etablissements gewachsen ist. “Wir sind regelmäßig zusammen mit anderen Behörden wie Zoll, Steuerfahndung und den Baubehörden unterwegs und kontrollieren”, erklärt Polizeisprecher Uwe Maser. Das Ergebnis dieser behördlichen Besuche führe aber nur in “sehr wenigen Fällen zu Ermittlungsverfahren”.

Ein Beamter, der namentlichen nicht genannt werden will, verweist auf den überaus hohen Zeitaufwand und die Tatsache, dass der Straftatbestand Menschenhandel wesentlich schwieriger nachzuweisen ist als früher. Was Osteuropa angehe, wüssten mittlerweile die meisten von dort kommenden Frauen, dass es bei Jobs in Deutschland um Prostitution gehe.

Ausnahmen gebe es bei Opfern aus Bulgarien und Rumänien, wo es mehr Analphabetinnen gebe, die die Zuhälter tatsächlich noch mit den Versprechungen von Putz-Jobs in die Bundesrepublik locken könnten. Dies gelte, so Mira von Mach, auch für Frauen, die aus Afrika stammten und hier zur Prostitution gezwungen würden. Oft dauere es sehr lange, bis sich die Frauen ihnen offenbaren und über ihre Erlebnisse reden, berichtet die Nadeschda-Mitarbeiterin weiter.

Doch so viel Zeit wie die Nadeschda-Mitarbeiterinnen haben die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft meist nicht. Sie hoffen auf eine veränderte Gesetzeslage.

Polizist über Bestrafung von Freiern: „Prostitution sollte reguliert werden“

Ein Interview mit einem Polizisten zum derzeit hochkochenden Thema.

Zuhälterei und Menschenhandel sind schwer zu erkennen. Ist es sinnvoll die Freier zu bestrafen? Das bringt nichts, meint ein Polizist.

taz: Herr X, Sie sind Insider aus Polizeikreisen – warum wollen Sie sich nur anonym äußern?

X: Zu politischen Debatten wie der jetzigen äußert die Polizei sich grundsätzlich nicht.

Dann mal informell: Die Unionsfrauen wollen Freier von Zwangsprostituierten bestrafen. Ist das eine gute Idee?

Nein. Es gibt immer das Problem des Nachweises. Schon jetzt können wir Menschenhandel und Zuhälterei nur sehr schwer nachweisen, dazu braucht es die Aussage der Opfer. Und die bekommen wir in der Regel nicht. Das ist den Frauen zu gefährlich.

Wie kann der Freier Zwangsprostituierte erkennen?

Gar nicht. Wir haben in unserer Stadt etwa 500 Prostituierte, die sind offiziell alle freiwillig und ganz legal hier. Und wenn eine blaue Flecken hat, dann ist sie „die Treppe runtergefallen“. Man kann da absolut nichts machen.

Nun könnte diese Forderung ja als Türöffner dazu dienen, die generelle Freierbestrafung durchzusetzen, wie sie Frankreich gerade diskutiert.

Das ist auch keine Lösung. Wir hatten schon mal das Verbot von Alkohol, und das war keine gute Erfahrung. Da schoss die Kriminalität in die Höhe.

Aber die Schweden scheinen mit ihrem Sexkaufverbot ganz zufrieden zu sein.

Da bin ich nicht so sicher. Denn dass man Prostituierte nun nicht mehr sieht, heißt nicht, dass sie nicht da sind. Das Problem ist, dass man nun ein riesiges Dunkelfeld hat. Und die Illegalität ist auf jeden Fall gefährlicher für die Frauen als ein Land, in dem man Prostitution vernünftig reguliert.

Und wie?

In Belgien kann man ohne die Aussage des Opfers gegen Menschenhändler ermitteln. Es gibt einen Katalog von Indizien. Wenn eins oder zwei davon erfüllt sind, kann die Polizei tätig werden. Eines der Indizien ist etwa die Tatsache, dass der Frau der Pass abgenommen wurde. Ein anderes, dass sie unmenschliche überlange Arbeitszeiten hat oder kaum eine Pause. Das würde uns sehr weiterhelfen. Gut wäre auch, wenn man Prostitutionsstätten zertifizieren würde.Wer da nicht mitmacht, hat auf dem Markt dann ein Problem.

Quelle: http://www.taz.de/Polizist-ueber-Bestrafung-von-Freiern/!128670/

Nordrhein-Westfalen: Im Paradies der Sextouristen

Hat das Prostitutionsgesetz Deutschland zur Drehscheibe für Frauenhandel gemacht? In NRW debattieren Politiker mit Prostituierten, Freiern und Bordellbetreibern – auf der Suche nach Verbesserungen im Rotlichtmilieu.

Von Reiner Burger, Düsseldorf/Duisburg

In der aktuellen Debatte über das 2001 von der damaligen rot-grünen Bundestagsmehrheit verabschiedete Prostitutionsgesetz gibt es auch unter Frauenpolitikerinnen zwei Lager. Kritikerinnen wie die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sind davon überzeugt, dass die Norm von grundlegendem Übel ist. Das Gesetz trage die Handschrift von Frauenhändlern und ihren Lobbyisten. Seither sei Deutschland zur europäischen Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies für Sextouristen geworden. Schwarzer wünscht sich eine gesellschaftlich-moralische Ächtung der Prostitution und formuliert als politische Utopie die Abschaffung der Prostitution. Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, vor allem Armuts- und Zwangsprostitution mit neuen Straftatbeständen härter zu ahnden.

Verteidigerinnen sehen in dem Gesetz dagegen einen geradezu emanzipatorischen Akt. Sie verweisen darauf, dass mit dem Ende der Sittenwidrigkeit der Prostitution die Rechtlosigkeit der Prostituierten beendet worden sei. Prostituierte könnten nun das vorab vereinbarte Entgelt auch einklagen, für sie bestehe nun auch Zugang zur Sozialversicherung. Auch habe das Prostitutionsgesetz Ausbeutung und Menschenhandel nicht hervorgebracht, sagt die frauenpolitische Sprecherin der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, Josefine Paul. Die nordrhein-westfälische Emanzipationsministerin Barbara Steffens (Grüne) formuliert nüchtern: „Prostitution gibt es, ob man sie untersagt oder nicht. Sie lässt sich nicht verbieten. Wer ihr offiziell keinen Raum geben will, verdrängt sie in die Illegalität mit all ihren negativen Folgen.“

Runder Tisch will Selbstbestimmungsrecht stärken

Ein Verbot würde für Prostituierte die Gefahr von Ausbeutung und Gewalt nur noch weiter vergrößern, statt sie mit mehr Rechten zu stärken, sagt die Emanzipationsministerin. Allerdings müsse das Prostitutionsgesetz weiter entwickelt werden. Dazu sei eine auf Wissen basierende ethische Diskussion mit allen Beteiligten nötig. Als Beitrag dazu versteht Steffens einen „Runden Tisch“ zum Thema Prostitution, den sie 2011 in ihrem Ministerium eingerichtet hat. Seine Aufgabe ist es, „die Umsetzung des Prostitutionsgesetzes voranzubringen und Handlungskonzepte zu erarbeiten“.

Leitgedanken des Gremiums sind laut einer internen Selbstdarstellung, das Selbstbestimmungsrecht der Prostituierten zu stärken, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern, Zwangsprostitution und Menschenhandel zu bekämpfen, aber auch an einer „Entstigmatisierung“ der Prostitution mitzuwirken.

Das in Deutschland bisher einzigartige Gremium hat seither schon dreizehn Mal getagt. In der ersten Sitzung ging es um eine Evaluation des Prostitutionsgesetzes, es folgten Treffen zu Themen wie „Prostitution und Gesundheit“, „Männliche Prostitution, Prostitution Transsexueller“, zuletzt befasste sich der „Runde Tisch“ Mitte Oktober mit der Besteuerung der Prostitution, am 27. April 2014 kommt man im Ministerium zusammen, um über „Sexualassistenz“, also sexuelle (Ersatz-)Dienstleistungen Prostituierter für Ältere und Behinderte zu sprechen.

Sexarbeiter auf freiwilliger Basis

Am Tisch sitzen Ministerialbeamte, Ordnungsamtsmitarbeiter, Sozialarbeiter, Wissenschaftler und auch zwei Prostituierte, die sich als „Sexarbeiterinnen“ bezeichnen. Bei Bedarf werden auch Bordellbetreiber ins Ministerium geladen. Sogar Freier kamen schon – nachdem ihnen das Gremium Anonymität zugesichert hatte.

Claudia Schwartz-Zimmermann, Leiterin der Abteilung Frauenpolitik im nordrhein-westfälischen Emanzipationsministerium, sitzt dem Gremium vor. „Als Kind der Frauenbewegung der siebziger Jahre hatte ich beim Thema Prostitution zunächst Berührungsängste“, sagt Schwartz-Zimmermann. Bevor sie die Leitung des „Runden Tischs“ übernahm, habe sie eine gewisse Sympathie für die Anti-Prostitutions-Kampagne von Alice Schwarzer gehabt. „Immerhin geht es ihr um die Würde der Frauen und um Selbstbestimmung.“ Heute begreife sie, wie komplex die Wirklichkeit der Prostitution sei. „Ich bedaure die Polarisierung in der Diskussion, sie bringt uns nicht weiter und verletzt viele Frauen, die aus eigener Entscheidung in der Sexarbeit tätig sind.“ Claudia Schwartz-Zimmermann versucht sich auch durch Vorort-Termine ein eigenes Bild zu machen. In Köln und Duisburg hat sie sich Großbordelle angeschaut, in Bochum ein Wohnungsbordell. Die Abteilungsleiterin Frauenpolitik räumt ein, dass der Fokus des „Runden Tischs“ auf der freiwilligen Prostitution liege, also auf den sogenannten Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Anders formuliert: Das Leitbild des Düsseldorfer „Runden Tischs“ sind Prostituierte, die selbstgewählt, selbstbewusst und selbstbestimmt tätig sind.

„Selbst der Tierschutz ist besser geregelt“

Nach Einschätzung von Prostitutions-Gegnern wie Alice Schwarzer handelt es sich bei „Sexarbeitern“ zumeist um Lobbyistinnen und Lobbyisten der Prostitutionsindustrie. 90 Prozent der Prostituierten in Deutschland seien aber Armuts- und Zwangsprostituierte, sagt Schwarzer. Sie wirft dem linken und liberalen Milieu vor, in der Sexualpolitik völlig versagt zu haben und spricht von „liberalen und linken Prostitutions-Schönrednern“.

Konkrete Ergebnisse hat der „Runde Tisch Prostitution“ bisher noch nicht vorgelegt. Schon angefertigte Zwischenberichte sind nicht öffentlich. „Vielleicht ist unser wichtigstes Zwischenergebnis, dass die Grenzen zwischen Prostitution und Menschenhandel in Wirklichkeit oft fließend sind“, sagt Zimmermann-Schwartz. Und trotzdem ist sich die Leiterin des „Runden Tischs“ zur Prostitution sicher: „Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem liberalen Prostitutionsgesetz und dem Menschenhandel ist nicht identifizierbar.“

Bei solchen Sätzen muss Helga Tauch schwer schlucken. Seit Jahren ist die Sozialarbeiterin für die einst in Afrika von einer deutschen Ordensfrau gegründete christliche Organisation „Solidarity with women in distress“ (Solwodi) im Duisburger Stadtteil Hochfeld unterwegs, der ähnlich wie die Dortmunder Nordstadt von Zuwanderung aus Bulgarien geprägt ist. Solwodi kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit der Polizei speziell um Opfer von Menschenhandel. Mittlerweile 1000 Frauen hat Solwodi in ganz Deutschland betreut. „Liberale Gesetze wie in Deutschland führen zu mehr Prostitution und mehr Kriminalität“, sagt Tauch. „Selbst der Tierschutz ist in Deutschland besser geregelt.“ Aus jahrelanger Erfahrung wisse sie, die Zahl der Frauen, die der Prostitution freiwillig nachgingen, sei verschwindend gering. „In vielen Fälle ist der Begriff Freiwild angebracht, nicht das Wort freiwillig.“ Wer etwas anderes behaupte, bagatellisiere Prostitution.

Quelle: http://www.faz.net

Die Ware Sex

Ein weiterer Kommentar zum Prostitutionsgesetz…

Wenn man die Situation der Prostituierten in Deutschland ehrlich beschreiben will, kommt man um hässliche Schilderungen nicht herum. Dann muss man die Huren erwähnen, die in Laufhäusern täglich 13 Stunden am Stück Freier bedienen müssen. Die in „Geiz macht geil“-Flatrate-Bordellen arbeiten, in denen der Mann für 49 Euro Sex haben kann, bis er nicht mehr kann. Man muss die Puffs nennen, in denen Männer Vergewaltigung spielen können. Und man muss von den Huren sprechen, die sich auf dem Straßenstrich für 20 Euro verkaufen.

Prostitution in Deutschland bedeutet für viele Frauen harte Arbeit für wenig Geld. Das heißt nicht, dass es keine selbstbestimmten Huren gibt, die kein Problem damit haben, ihren Körper zu verkaufen. Natürlich gibt es auch diese Frauen, und man kann ihre Empörung verstehen, wenn Alice Schwarzer sie alle pauschal zu Opfern degradiert. Für die Emma-Herausgeberin ist es unvorstellbar, dass sich jemand aus freien Stücken prostituiert. Damit bestätigt die Feministin nicht nur das Klischee vom schwachen Geschlecht. Sie verharmlost mit der Gleichsetzung von Armuts- und Zwangsprostitution auch den verbrecherischen Missbrauch von Menschen. Es ist sehr wohl ein Unterschied, ob eine junge Frau aus Osteuropa in Deutschland auf den Strich geht, weil sie hofft, damit mehr Geld als in ihrer Heimat zu verdienen. Oder weil sie von Menschenhändlern dazu gezwungen wird.

Rot-Grün ist gescheitert

Ein bisschen kann man Schwarzers Furor dagegen verstehen, wenn man sich mit dem Milliardengeschäft Prostitution beschäftigt und sich fragt, wer eigentlich daran verdient. Es sind nicht diejenigen, die das Geld anschaffen.

Rot-Grün wollte die Situation von Prostituierten per Legalisierung 2002 verbessern. Das ist, so viel kann man sicher sagen, gescheitert. Von dem Recht, in die Sozialkassen einzuzahlen, machen derzeit nur 44 Prostituierte Gebrauch. Prostitution ist zwar nicht mehr sittenwidrig, mit dem Schmuddelimage müssen die Frauen trotzdem weiter leben. Zugleich verkauft sich die Ware Sex besser denn je. Und da sind es vor allem die Bordellbetreiber, die von der Liberalisierung profitiert haben. Sie konnten ungehindert von behördlichen Auflagen und Kontrollen ein Etablissement nach dem anderen eröffnen und für Edelpuffs werben, als wären es Spaßbäder.

Muss man Prostitution also verbieten, wie die Schweden oder die Franzosen, die in der Nationalversammlung am Mittwoch für ein solches Verbot gestimmt haben? Schauen wir kurz nach Schweden. Dort riskieren Freier Geldstrafen und sogar Haft. Prostitution sei so gut wie verschwunden, feiern die Befürworter. Na ja. Dass man daran Zweifel haben kann, zeigen schon die vielen einschlägigen Treffer, wenn man bei Google Stockholm und Escort eingibt. Man könnte auch in den baltischen Nachbarländern nachfragen, was sie davon halten, dass schwedische Männer bevorzugt als Sextouristen zu ihnen kommen.

Es ist deshalb wohltuend, dass selbst konservative Unionspolitiker in Deutschland nichts von einem Verbot halten, weil es die Prostitution nur in die Illegalität drängen würde. Unbestritten ist aber auch, dass es so, wie es jetzt ist, nicht bleiben kann. Es ist unerträglich, dass Zuhälter Prostituierte anweisen dürfen, nackt zu arbeiten, keinen Freier abzulehnen und für jede sexuelle Praxis zur Verfügung zu stehen. Es ist geradezu absurd, dass es keiner Erlaubnis bedurfte, ein Bordell zu eröffnen. Jede Würstchenbude wird strenger kontrolliert. Das alles wollen Union und SPD nun ändern. Es kann sein, dass die Arbeit durch die Auflagen für manche Prostituierte schwieriger wird. Das Gros der Frauen sollte davon profitieren.

Quelle: http://www.ksta.de

Prostitutionsdebatte: Das Geschäft mit dem Sex – Warum Männer ins Bordell gehen

Bochum. In halb Europa diskutieren Politiker und Frauenrechtlerinnen darüber, wie Huren geholfen werden kann. Doch der Kontinent ist uneinig, ob ein Verbot oder die Legalisierung von Prostitution der richtige Weg ist. Weitgehend unbeachtet bleibt dabei, warum Männer überhaupt ins Bordell gehen. Einblicke in eine bizarre Parallelwelt.

Es ist spät geworden, Torsten und Stefan haben noch nichts gegessen. Also erstmal ‘ne Pizza. Die jungen Männer – beide sind 24 – sitzen in einem Restaurant mitten im Bochumer Rotlichtviertel. Ein schmaler Raum mit kleinen Tischen und wenigen Stühlen, vor der Tür staubige Plastikpflanzen – in dieser Pizzeria kommt es nicht auf die Atmosphäre an.

Ein paar Männer sitzen alleine und schweigend vor ihren Tellern. Hier gebe es „die geilste Pizza in ganz Bochum“, sagt Torsten, die große Salami kostet fünf Euro. Sie möchten „Grundlage schaffen“, Torsten und Stefan haben heute Nacht noch was vor. Sie wollen Sex. Im Puff.

Der „Eierberg“ ist über Bochums Grenzen hinaus bekannt, und das liegt nicht nur am einprägsamen Namen, den der Volksmund dem Viertel am Rand der Innenstadt gegeben hat. Rund um die Gußstahlstraße liegt eine Vergnügungsmeile mit Table-Dance-Bars und Bordellen, eine der größten in NRW. Am Wochenende arbeiten in den Clubs bis zu 200 Frauen. Was denken Huren und Freier über die Prostitutionsdebatte, die aus Frankreich nach Deutschland rüberschwappt? Eindrücke aus einer bizarren Parallelwelt.

Bochum ist nicht Amsterdam, aber die Rotlichtviertel der Städte ähneln sich. 22 Uhr, über das Kopfsteinpflaster flanieren Männer mit glänzenden Augen. Rechts und links sitzen Frauen in Schaufenstern, sie suchen Blickkontakt.

Unter der Woche ist nicht so viel los, dennoch sind an diesem Abend ein paar Dutzend Männer unterwegs. Ein dürrer Endfünfziger mit hoher Stirn schlendert durch die Gasse. Sein Blick ist starr, er mustert eine junge Frau mit roter Brille. Dann geht er zum nächsten Fenster. Mit der Zeitung will er nicht reden: „Hau ab!“ Also weiter.
Ein Kunde sagt: „Ich brauch’ das einfach ab und zu“

Drei angetrunkene Burschen stehen in einer dunklen Ecke und kichern. Dass Pariser Politiker französische Freier mit hohen Geldbußen bestrafen wollen, haben sie bislang nicht mitbekommen, aber sie brauchen nicht lange zur Meinungsbildung. „Ich bin oft hier, bestimmt einmal die Woche“, sagt einer aus dem Trio. Er sieht aus wie ein Junge, nicht älter als 20. „Wenn Prostitution verboten wird, würde mir was fehlen. Ich hab’ gerade keine Freundin, was soll ich denn sonst machen?“

Sein Kumpel schnippt eine Kippe auf die Straße und bläst den Qualm in die kalte Dezemberluft. Er schaltet sich ins Gespräch ein: „Ich brauch’ das hier einfach ab und zu. Das ist doch nicht schlimm, darum müssen sich die Politiker nicht kümmern.“

Schlimm ist, dass sich manche Frauen nicht freiwillig verkaufen. Groben Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland etwa 300.000 sogenannte Sexarbeiterinnen. Es heißt, viele von ihnen werden dazu gezwungen. In Bochum seien solche Fälle allerdings Ausnahmen, sagen sie beim Verein Madonna, der Selbsthilfeorganisation der Bochumer Huren.
Die meisten Freier sind sehr höflich

Sandy kommt schnell zur Sache. „Hast du Lust?“, fragt sie und lehnt sich aus dem Fenster. Aus ihrem Mund klingt die Frage nicht anrüchig, sondern ganz natürlich, wie ein „Wollen wir tanzen?“ in der Disco. Sandy ist 22, hübsch, blond, sie trägt schwarze Reizwäsche. Ihr Zimmer wirkt karg, aber sauber: ein Bett, ein Waschbecken, Gleitgel, eine Schüssel Kondome. Als sie erfährt, dass ihr Gast nur reden will, ist sie nicht begeistert. „Aber ein paar Minuten habe ich.“

Sandy arbeitet seit zwei Jahren als Prostituierte. Sie habe damals schnelles Geld machen wollen. „Natürlich habe ich auch schlechte Erfahrungen gemacht. Manche Männer sind einfach ekelig, ungepflegt. Aber die meisten sind sehr höflich und dankbar.“

Wie sie ihr Geld verdiene, gehe niemanden etwas an. Sie tue sogar etwas Gutes: „Ich möchte nicht wissen, wie viele Vergewaltigungen ich schon verhindert habe, weil die Männer bei mir Druck ablassen konnten.“ Ob sie gar keine Hilfe von der Politik brauche? Sandy überlegt.

Vielleicht könne es ja ein Gesetz geben, das ungeschützten Sex verbiete. Denn immer wieder kämen Kunden zu ihr, die kein Präservativ tragen wollten. „Ohne mach ich’s nicht“, aber sie weiß, dass einige Kolleginnen nicht so wählerisch sind. „So“, sagt sie dann, „jetzt muss ich wieder ein bisschen Geld verdienen.“

Inzwischen ist es halb zwölf. Torsten und Stefan, die beiden Freier aus der Pizzeria, haben aufgegessen. Wo sie nun hinwollen? „Erstmal zu der Schwatten da“, sagt Stefan und zeigt auf ein Schaufenster. „Und wenn ich kann, später vielleicht noch zu ‘ner anderen. Kost’ ja nur 30 Euro.“

Prostitution: Frankreich verbietet käuflichen Sex

Die Nationalversammlung hat in erster Lesung einem Gesetz zugestimmt, das nach dem Vorbild von Schweden potenzielle Kunden von Prostituierten mit Geldstrafen abschrecken soll.

Von unserem Korrespondenten RUDOLF BALMER  (Die Presse)

Paris. Kaum ein Gesetz hat in Frankreich in den vergangenen Jahren die Wogen so hochgehen lassen: Am Mittwoch hat die Nationalversammlung in erster Lesung ein Verbot von käuflichem Sex beschlossen. Wer künftig Prostituierte aufsucht, muss mit einer Strafe rechnen. Das Gesetz soll potenzielle Kunden abschrecken. Bezahlter Sex wird – für die Freier – zu einem Delikt, das mit 1500 Euro Geldbuße und im Wiederholungsfall mit bis zu 3700 Euro bestraft werden kann. Das Gesetz sieht als Alternative vor, dass sich von der Polizei in flagranti ertappte Klienten in einem Kurs über die Lebensrealitäten der Prostituierten informieren lassen.

Umstritten war vor allem, dass den illegal aus Afrika, China und Osteuropa eingereisten Prostituierten nach sechsmonatiger Tätigkeit mit einer Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung der Ausstieg aus dem Sexgewerbe erleichtert werden soll. Die Opposition sieht darin einen Anreiz für Immigration. Um in Kraft treten zu können, braucht das Gesetz noch die Billigung des Senats.

Prostitution ist in Frankreich weder als illegale noch als berufliche Aktivität gesetzlich anerkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind aber die Bordelle geschlossen worden, und jede Form der Zuhälterei wird streng geahndet. Das hatte jedoch nicht einmal zu einem spürbaren Rückgang der Prostitution geführt, wie ein neues Gesetz unter Präsident Nicolas Sarkozy, das passive und aktive Kundenanwerbung auf dem Straßenstrich für strafbar erklärte. Laut Hilfsorganisationen wurden die Sexarbeiterinnen nur vermehrt in den Untergrund getrieben, wo sie erst recht der Gewalt skrupelloser Freier und ihrer Zuhälter ausgesetzt waren. Wegen dieser kontraproduktiven Effekte wurde das Gesetz jetzt aufgehoben.

Auch unter Feministen umstritten

Mit der Kriminalisierung der Kunden verfolgt der Gesetzgeber nun eine andere Logik: Statt des Angebots wird die Nachfrage attackiert. Das wurde zuerst in Schweden und danach in anderen skandinavischen Ländern bereits mit einigem Erfolg versucht.

Die Fronten in der seit Wochen erbittert geführten Debatte gehen quer durch die politischen Parteien und selbst die Vereine zum Schutz der Prostituierten. Feministische Organisationen wie „Osez le féminisme“ haben vor dem Parlament für das neue Prostitutionsgesetz demonstriert. Es gab aber auch prominente feministische Stimmen, die wie beispielsweise die Philosophin Elisabeth Badinter dagegen sind, weil eine solche Form der Prohibition das Recht der Frauen, frei über ihren Körper zu verfügen, infrage stelle.

In Frankreich ist der Griff zum gesetzlichen Verbot fast immer ein Reflex. In einer anderen Frage, im Kampf gegen Drogen, haben sich die Prohibition und Kriminalisierung des Konsums in Frankreich als weitgehend nutzlos oder gar kontraproduktiv erwiesen.

Quelle: http://diepresse.com/home/panorama/welt/1494326/Prostitution_Frankreich-verbietet-kaeuflichen-Sex

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Schweden: Prostitution verboten, die Freier bleiben

Interessante Einsichten, Erkenntnisse und Fakten zur Prostitution in Schweden seit dem dortigen Prostitutionsverbot: “Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft”

Wer in Schweden zu einer Prostituierten geht, wird bestraft. Die Regierung ist überzeugt von dem Verbot für Freier, doch es gibt viele Schlupflöcher.

von Lisa Caspari

Das liberale Deutschland und das restriktive Schweden – beim Umgang mit Sexarbeitern konnte es lange fast keinen größeren Unterschied geben. Prostitution ist in Deutschland ein offiziell anerkanntes Gewerbe, Sex kann ganz legal gekauft werden. In Schweden hingegen werden Freier bestraft, wenn sie für sexuelle Handlungen bezahlen. Ganz gleich ob sie dies mit Geld tun oder mit teuren Geschenken, Alkohol oder Drogen. Selbst der Versuch  ist strafbar. Bis zu einem Jahr Haft droht einem Freier laut Gesetz, die Prostituierten bleiben unbehelligt.

In Deutschland plant die Große Koalition eine Verschärfung des Prostitutionsrechts – allerdings nur für bestimmte Fälle. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer zieht das restriktive schwedische Verbotsmodell daher gerne als Positivbeispiel für den Umgang mit Prostitution heran. Doch hat es wirklich so viel gebracht?

Das moralische Selbstverständnis hinter dem schwedischen Gesetz besagt, dass es einen selbstbestimmten Sexarbeiter nicht geben kann. Es bestehe immer ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Käufer und Dienstleister. Eine soziale Gesellschaft könne es aber nicht akzeptieren, dass Menschen ihren Körper “verkaufen”, um Geld zu verdienen. Seit 1999 ist Prostitution in Schweden verboten. Eine Studie ergab 2010, dass sich seitdem die Straßenprostitution im Land halbiert habe.  Es gebe “keine Anzeichen” dafür, dass käuflicher Sex ins Internet oder in private Wohnungen abgewandert sei. Und im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern sei die Prostitution “immerhin nicht gestiegen”. Die Autoren der Studie verweisen aber auch darauf, dass es schwierig ist, das changierende Gewerbe genau zu erfassen und zu analysieren.

Ins Internet abgewandert

Seit Inkrafttreten des Verbots 1999 bis Ende 2012 registrierte Schwedens Polizei 4.782 Fälle von gekauftem Sex, wie eine Studie der Nationalen Behörde für Kriminalprevention (Bra) ergab. 2012 wurden 551 Vorfälle bekannt. Davon führten 343 zu einer Verurteilung des Freiers – für die Regierung eine hohe Zahl, da der Nachweis, dass für Sex tatsächlich bezahlt wurde, schwierig zu führen ist. Allerdings bekommen Freier nach Polizeiangaben zumeist Geld- oder Bewährungsstrafen oder sie müssen gemeinnützige Arbeit leisten. Strafen beginnen bei umgerechnet rund 250 Euro, können aber auch deutlich teurer ausfallen. Kein Freier wanderte bisher ins Gefängnis, nur weil er für Sex bezahlt hatte.

Ohnehin dürfte die Dunkelziffer hoch sein. Wie viele “Bestellungen” sexueller Dienstleistungen im Internet im Schutze der Anonymität getätigt werden, weiß in Schweden niemand so genau. Auch der Nachweis, dass es sich bei Verabredungen zum Sex tatsächlich um Prostitution handelt, ist natürlich schwer zu führen. In diesem Herbst sorgten Recherchen eines Fernsehsenders für Furore: Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft, rechnete man dort vor. “Dass es verboten ist, heißt nicht, dass es nicht passiert”, sagt Olga Persson, Generalsekretärin der Schwedischen Frauenorganisation SKR. “Selbst wenn die Freier erwischt werden: Sie zahlen ihre Strafe und machen weiter.”

Dennoch sehen Sozialarbeiter keine Alternative zu dem Verbot. Sie begrüßen, dass das Gesetz ganz offenbar einen moralischen Effekt hat, sich also die Einstellung der Bürger zur Prostitution verändert zu haben scheint: Umfragen zeigen, dass die Schweden den Kauf sexueller Dienstleistungen deutlich kritischer sehen als noch vor 1999. Darauf verweist Persson ebenso wie Catrin Sandman von der Göteborger Anlaufstelle für Sexarbeiter, Mikamottagningen.

Die Polizei hat nicht genügend Ressourcen

Doch die negativen Folgen der Prostitution existieren in Schweden nach wie vor. Sandman berichtet, dass die Straßenprostitution in Göteborg seit dem offiziellen Verbot des Kaufs sexueller Dienstleistungen hauptsächlich aus dem Ausland organisiert wird. Viele Frauen, vor allem aus Rumänien und Litauen, arbeiteten in der Region Stockholm als Prostituierte. Sexarbeiter selbst werden nicht bestraft, wenn ihr Gewerbe auffliegt.

Am größten jedoch ist der Markt in den anonymen Weiten des Internets. Allein die Göteborger Prostituiertenorganisation zählt 500 bis 600 Frauen, mit denen sie 2012 in Kontakt war und die sexuelle Dienstleistungen online anboten. Vor allem junge Frauen mit Drogenproblemen verkauften dort ihren Körper für Geld. Das eher ernüchternde Fazit: “Es gibt so viele Freier und die Polizei hat nicht die Ressourcen, mehr als ungefähr ein Prozent von ihnen zu verfolgen”, sagt Persson. “Das Verbrechen, Sex zu kaufen, wird leider auch von unserem Justizsystem nicht als Priorität angesehen, weil die Strafen so gering sind.”

Bleiben nur die Perversen zurück?

Mit dem Gesetz sollte es den Prostitutierten eigentlich einfacher gemacht werden, Hilfe von der Polizei und dem Sozialsystem zu bekommen. Doch Sandman bemängelt, dass das Prostitutionsverbotsgesetz nicht konkret von einem Anspruch der Sexarbeiter auf Hilfe spreche. Die schwedische Journalistin und Frauenrechtlerin Petra Ostergren verweist in ihrem Blog außerdem darauf, dass die sozial am schlechtesten gestellten Sexarbeiter – oft solche mit Drogenproblemen – durch das Verbot sogar benachteiligt werden. Ostergrens These: Während bereits zuvor besser gestellte Prostituierte weiterhin im Internet dezent ihrem Job nachgehen können, leiden unter dem Verbot vor allem die Frauen und Männer, die wegen Drogensucht oder anderer Probleme am meisten Hilfe benötigen. Sie prostituieren sich noch immer auf dem Straßenstrich.

Seitdem Freier Bestrafung fürchten müssen, so Ostergren, seien die “Netten” vom Straßenstrich verschwunden, zurück blieben die “Perversen” mit oft gesellschaftlich nicht akzeptierten Wünschen und Gewaltphantasien sowie der Forderung nach sexuellen Handlungen ohne Kondom. Diese wüssten sowieso schon, wie sie es anstellten, nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Aus Geldnot könnten schwedische Straßenprostituierte diese Freier nun nicht mehr ablehnen. Sie müssten zudem mehr Kunden bedienen als zuvor, um über die Runden zu kommen.

Das bestätigt im Grundsatz auch die Göteborger Hilfsorganisation Makamottagningen. Straßenprostitutierte seien dort häufig abhängig von ihren Zuhältern, die oft aus dem Ausland kämen und die Kunden für sie aussuchten. Von Wahlfreiheit kann hier keine Rede mehr sein.

Andere Sozialarbeiter sehen das nicht so dramatisch, es gebe weiterhin “nette Freier”, denn es sei nicht schwer, Sex im Internet zu kaufen. “Prostituierte können sich nun sicherer fühlen, weil das Gesetz auf ihrer Seite ist”, sagt Frauenrechtlerin Persson. Sie könnten den Freier verklagen, wenn er sich nicht respektvoll verhalte. Denn eines, so sind sich die Frauenorganisationen sicher, habe das Gesetz gebracht: Während der Freier am Pranger stehe, werde die Position der Sexarbeiter gestärkt; auch während ihrer Arbeit hätten sie eine gewisse Macht gegenüber dem Freier. Das gilt im übrigen auch für die männlichen Prostituierten – deren Probleme und Sorgen, so sagen Sozialarbeiter, fehlten in der ganz auf die Belange der Frauen ausgerichteten öffentlichen Debatte leider nach wie vor.

Quelle:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe/seite-2

Deutschland: Kein Paradies für Freier mehr

Union und SPD planen schärfere Regeln für die üppig wuchernde Prostitution. „Flatrate“-Angebote sollen verboten werden. Kunden von Zwangsprostituierten drohen Strafen.

Berlin. In „Flatrate“-Bordellen haben Männer zum Pauschalpreis so oft Sex, wie sie wollen. Oft auch in der Gruppe, auch ohne Kondom. Zu ihren Diensten stehen blutjunge Mädchen aus Bulgarien und Rumänien, die Menschenhändler angelockt haben. Sie dürfen nichts und niemanden ablehnen. Manche werden regelrecht eingesperrt. Aus Skandinavien, Asien und den USA strömen die Kunden zum organisierten, billigen Puffurlaub nach Deutschland.

Solchem Treiben wollen Union und SPD nun Einhalt gebieten. Der in der Vorwoche beschlossene Koalitionsvertrag sieht vor, die bisher sehr liberalen Regelungen deutlich zu verschärfen.
„Menschenverachtende Praktiken wie Flatrate-Sex gehören verboten“, postulierte die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig schon während der Verhandlungen. Aus der CDU wurde nun bestätigt, dass ein Verbot geplant ist.

Bordelle dürfen nur mit einer besonderen Erlaubnis betrieben werden. Erstmals machen sich wohl bald auch Freier strafbar – allerdings nur unter bestimmten Umständen: wenn sie wissentlich die Zwangslage von Frauen ausnutzen. Bisher fürchtete man, der juristische Nachweis für diesen neuen Strafbestand könne kaum zu erbringen sein. Was den Politikern hier als eindeutiger Fall vorschwebt, hat ein Verhandlungsteilnehmer der „Süddeutschen“ erklärte: „Ein Club, der vorn und hinten von Rockern überwacht wird und in dem vor allem junge Frauen aus Osteuropa angeboten werden, muss jeden Menschen mit gesundem Menschenverstand misstrauisch machen.“

Aufenthaltsrecht für Opfer

Opfer von Zwangsprostitution, die illegal im Land leben, sollen leichter ein Aufenthaltsrecht bekommen, auch wenn sie nur allgemein zur Aufklärung beitragen. Bisher mussten sie dafür vor Gericht konkret gegen ihre Peiniger aussagen.

Mit diesen Maßnahmen rudert die deutsche Politik spät, aber kräftig zurück. Anfang 2002 setzte die rot-grüne Regierung eine der liberalsten Regelungen der Welt in Kraft: Prostitution ist nicht mehr sittenwidrig und gilt als Dienstleistung wie viele andere. Prostituierte können sich bei der Sozialversicherung anmelden und ihren Lohn einklagen, Bordellbesitzer ihre Etablissements gewerblich melden. Das Ziel: Wenn das Geschäft mit dem Körper aus seiner Schmuddelecke ans helle Licht kommt, können sich die Sexarbeiterinnen aus Zwang und Abhängigkeit befreien.

Elf Jahre später steht fest: Das war eine naive Hoffnung. Ganze 44 Prostituierte sind sozialversichert (darunter vier Männer). Der Markt wächst hingegen rasant. Profitiert haben vor allem Puffbesitzer und Zuhälter, deren Tätigkeit nicht mehr in jedem Fall strafbar ist. Für Prostituierte ist das Geschäft härter geworden. Seit Rumänien und Bulgarien EU-Mitglieder sind, strömen bitterarme Frauen in den Binnenmarkt, um ihre Körper billig feilzubieten. Vor allem nach Deutschland. Denn hier, so der Ruf, ist alles möglich, alles legal.

Warnende Stimmen

Ein „Tatort“ und ein „Spiegel“-Cover machten den Frauenhandel zum Thema. Der britische „Economist“ beschrieb Deutschland als „gigantisches Bordell“. Das hat die Politik auf den Plan gerufen. Auch die SPD-Frauen, obwohl es um ein Gesetz ihrer Partei geht, das nun am Prüfstand und Pranger steht. Aus Teilen der SPD und vonseiten der Grünen gab es während der Koalitionsverhandlungen aber auch warnende Stimmen. Die Befürchtung: Wer freiwillig ausgeübte Prostitution wieder in die Illegalität treibt, vergrößere nur die Gefahr von Ausbeutung und Gewalt.

Auch in Frankreich tobt seit Wochen diese Debatte. Politisch ist sie seit Freitag entschieden, und zwar wesentlich radikaler als in Deutschland: Prostitution ist wieder verboten, französische Freier müssen künftig Strafe zahlen – unabhängig davon, ob Zwang im Spiel war oder nicht.

Quelle: http://diepresse.com

Ein Gesetz, das Zuhältern dient

Ein Kommentar aus der Augsburger Allgemeinen zum aktuellen Prostitutionsgesetz und zu aktuell geplanten Änderungen des Gesetzes:

Was gut gemeint war, ist nach hinten losgegangen: Als Rot-Grün vor einem Jahrzehnt ein Prostitutionsgesetz auf den Weg brachte, sollte das den Frauen helfen. Von Jörg Heinzle

Sie sollten Rechte bekommen wie jeder andere Arbeitnehmer auch. Und ihre soziale Ächtung sollte ein Ende haben. Eingetreten ist davon nichts. Im Gegenteil: Heute arbeiten mehr Frauen unter unwürdigen Bedingungen als damals. Und eine Prostituierte muss es sich noch immer gut überlegen, ob sie zu ihrem Beruf öffentlich steht.

Das Gesetz hatte zahlreiche Geburtsfehler, von denen vor allem Zuhälter und Geschäftemacher im Rotlichtmilieu profitierten. Die rot-grüne Regierung hatte das Bild einer selbstbewussten Prostituierten vor Augen, als sie das Gesetz verabschiedete. In der Realität aber drängen immer mehr Frauen aus Osteuropa ins Milieu. Und die sind in den meisten Fällen abhängig von ihrem Zuhälter. Sei es aus Geldnot, aus falsch verstandener Liebe – oder aus purer Angst.

Es ist dringend nötig, das Gesetz so zu ändern, dass die Polizei in Bordellen wieder besser kontrollieren kann. Es geht nicht darum, Frauen zu schikanieren, die selbstbestimmt arbeiten. Es geht darum, Opfer besser zu schützen. Dass nun auch noch Männer bestraft werden sollen, die zu einer Zwangsprostituierten gehen, hat dagegen eher eine symbolische Wirkung. Wie soll ein Freier erkennen, ob eine Frau unter Druck steht? Sie selbst wird es ihm in der Regel nicht sagen.

Quelle: http://www.augsburger-allgemeine.de

Gegen den Strich

Ein Artikel zur Lage der Prostitution in Berlin – auch mit Stimmen pro Prostitution.

von T. Buntrock, S. Dassler

Arbeiten Huren freiwillig oder unter Zwang? In Berlin gibt es beide Phänomene – und viel Kriminalität

Berlin – Die Meinungen gehen auseinander: „Der Appell von Alice Schwarzer gegen Prostitution wirft uns um Jahre zurück“, sagt Nadine S., die sich vor einigen Jahren als Sexarbeiterin selbstständig gemacht hat. „Meine Kunden sind zu 99 Prozent sehr anständige Menschen“, sagt sie, „es wäre absurd, sie oder mich durch ein Verbot der Prostitution zu kriminalisieren, zumal sie mich als Liebesexpertin schätzen und respektvoll behandeln.“

Dobrinka L. hat da durchaus andere Erfahrungen gemacht. „Ich würde lieber als Putzfrau arbeiten“, sagt die 34-jährige Bulgarin, die seit zwei Jahren in Neukölln anschaffen geht, ihre Kunden sind oft türkische Männer. „Mein einziger Trost ist, dass meine beiden Töchter hier in Berlin in die Schule gehen“, sagt sie. „Vielleicht können sie einen guten Beruf lernen.“

Für Jana Weber vom Berufsverband für sexuelle und erotische Dienstleistungen ist ihr Beruf ein guter. „Das Bild, das gegenwärtig von Politikern und manchen Prominenten verbreitet wird, ist falsch“, sagt sie. „Es gibt Fälle von Menschenhandel, aber hier werden nicht hunderttausend Frauen sexuell geknechtet.“ Ähnlich sieht man das bei Hydra e.V. – einem Verein, der seit 33 Jahren Prostituierte in Berlin berät. Weitaus mehr als die aktuelle Debatte interessiere die Ratsuchenden, dass viele Jobcenter keine Leistungen zahlen, weil sie bezweifeln, dass die Frauen selbstständig arbeiten. Auf höchstens drei Prozent schätzt man in der Beratungsstelle die Zahl der Frauen, die zum Anschaffen gezwungen werden.

Ob in einem Wohnungsbordell, im Massagesalon, einem Großpuff oder auf dem Straßenstrich – in Berlin herrscht keine „Luxusprostitution“, sondern ein „Billigmarkt“, sagt Leonie von Braun, zuständig für Menschenhandel und Zwangsprostitution bei der Staatsanwaltschaft. Gerade 20 Euro zahlten die Freier für Oralverkehr auf dem Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße oder Bülowstraße in Tiergarten und Schöneberg-Nord. Geschlechtsverkehr kostet rund 30 Euro, meist benutzen die Freier kein Kondom. Wer sie im „Escort-Service“ nach Hause begleitet oder in einem Wohnungsbordell bedient, verlange meist 100 Euro.

Die Spezialermittler für Rotlichtkriminalität beim Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft kümmern sich um Zwangsprostitution und Menschenhandel – also solche Fälle, in denen Frauen mutmaßlich gezwungen werden, sich für Sex zu verkaufen oder wenn minderjährige Mädchen missbraucht und dafür nach Deutschland verschleppt werden. Wie schon seit Jahren stammen die meisten Frauen aus Rumänien und Bulgarien. Ihnen werden von Landsleuten Jobs als Pflegekraft versprochen – sie dann aber mit Drohungen und Gewalt zur Prostitution gezwungen. Eine neuere Masche sei das „Loverboy“-Phänomen: Anwerber spielten den Frauen vor, unsterblich verliebt zu sein und eine Familie gründen zu wollen. In Berlin entpuppt sich der „Loverboy“ dann als Zuhälter. Zahlen, wie viele Frauen hier zum Sex gezwungen werden, kann von Braun nicht nennen. Nur selten vertrauen sich die Opfer der Polizei an. Seit fünf Jahren registrieren die Behörden zunehmend Nigerianerinnen, die mit falschen Papieren ausgestattet in Bordellen anschaffen müssen. Sie werden gefügig gemacht, in dem ihnen gedroht wird, dass der Voodoo-Priester sie auch aus der Ferne jederzeit mit Tod und Gebrechen bestrafen könne.

Für Nadine S. sind das schlimme Auswüchse, die aber mit dem „eigentlichen Gewerbe“ nichts zu tun haben. „Leider gibt es Menschenhandel, doch warum redet niemand über die Leute auf dem Bau, in der Gastronomie oder in Privathaushalten?“, fragt sie.

Quelle: http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/809448/

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Politiker wollen Bordelle besser kontrollieren

Berlin  – Mehr Kontrolle und mehr Hilfe für die Opfer von Zwangsprostitution: Dem Wildwuchs im horizontalen Gewerbe will die Union Einhalt gebieten.

Um die Lage von Prostituierten in Deutschland zu verbessern, wollen CDU  und CSU  in der großen Koalition ein umfangreiches Maßnahmenpaket umsetzen. Zu den Eckpunkten, die Unionsfraktionsvize Günter Krings (CDU) und die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär am Dienstag in Berlin vorstellten, gehören eine stärkere Regulierung der Bordelle  und eine bessere Unterstützung der Opfer von Zwangsprostitution.

Mit der Liberalisierung des Prostitutionsrechts vor zwölf Jahren sei Deutschland „zum Paradies für Freier und zur Vorhölle für viele Prostituierte geworden“, bemängelte Krings. Für die Opfer stellte er eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit Option auf ein dauerhaftes Bleiberecht in Aussicht. Zudem forderte er eine Erlaubnispflicht für Bordelle mit regelmäßigen Kontrollen. Jede durchschnittliche Imbissbude werde derzeit besser kontrolliert als eine Prostitutionsstätte, sagte Krings.

Bär warb darüber hinaus für regelmäßige Pflichtuntersuchungen der Prostituierten bei den Gesundheitsämtern. Krings räumte ein, dass für derartige Kontrollen erhebliche personelle Ressourcen notwendig seien. „Es deshalb nicht zu tun, halte ich für unverantwortlich.“

Teil des Maßnahmenpakets ist auch die Strafandrohung gegen Freier, die bewusst die Dienste einer Zwangsprostituierten nutzen. Frings sagte, in solchen Fällen komme sogar eine Gefängnisstrafe in Betracht. Zwar werde es voraussichtlich nur wenige Verurteilungen geben, doch schon der „Abschreckungsdruck“ könne eine heilsame Wirkung haben.

dpa

Quelle: http://www.merkur-online.de

Debatte um Prostitution: Der unsichtbare Freier

In der Prostitutionsdebatte werden alle Bereiche durchleuchtet: Huren, Bordelle, Gesetze. Nur die Männer nicht, die für Sex zahlen.


Hendrik T. hört die Tür hinter sich ins Schloss fallen und steht wieder auf der Straße. Keiner der vorbeihastenden Passanten bemerkt, wo er gerade herkommt. Er mischt sich in die Menge und beginnt zu weinen, ohne genau zu wissen, warum: Hendrik hat gerade zum ersten Mal für Sex bezahlt – so erinnert er sich.

„Wir fordern: Prostitution abschaffen!“, sagen Alice Schwarzer und die Zeitschrift Emma in einer Petition. Unterschrieben haben auch zahlreiche Prominente und PolitikerInnen. Der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ reagierte unmittelbar mit einem Gegenappell für Prostitution. Nun diskutiert die Gesellschaft wieder über die Prostitution und was denn nun das angeblich Beste für die Sexarbeiterinnen ist. Nur die Freier, Männer wie Hendrik T., kommen kaum zu Wort.

„Durch die momentane Berichterstattung fühle ich mich weder repräsentiert noch angesprochen“, sagt Hendrik T. „Das liegt wohl zum einen an dem sehr undifferenzierten Bild von Freiern innerhalb der Debatte. Zum anderen habe ich das Ganze vollkommen heimlich gemacht, wodurch ich es besser verdrängen und diesen schambesetzten Teil gut von mir lostrennen konnte.“

Hendrik T. ist 29 Jahre alt und Referendar an einer Berufsschule. Und er hatte in der Vergangenheit Sex mit Prostituierten. Offen und selbstbewusst darüber zu reden fällt ihm immer noch schwer. Wenn Hendrik T. über sich als Freier spricht, versteckt er sich hinter umständlichen Sätzen. Es klingt, als sei nicht er, sondern ein anderer Mann ins Bordell gegangen. Diskutieren Leute im Fernsehen oder in den Zeitungen über Prostitution, interessiert es Hendrik T. nur politisch, wie er sagt, als habe es mit ihm selbst nichts zu tun. „Wie der Syrienkonflikt.“

Dann zögert Hendrik T. lange und blickt konzentriert auf seine Hände. Als er wieder aufsieht, sagt er: „Wenn hingegen Menschen, die mir nahestehen, sich abfällig über Bordellbesucher äußern, greift mich das an, und ich fühle mich schuldig, voller Scham. Dann denke ich, dass ich einer von denen sein sollte, die sich für die Rechte von Prostituierten einsetzen und gleichzeitig respektvoll über Freier sprechen. Ohne selbst einer zu sein.“

Freier sind keine Täter, Huren keine Opfer

Alexa Müller, Mitarbeiterin des Vereins Hydra und selbst Sexarbeiterin, nennt mehrere Gründe, warum Erfahrungen von Freiern in der aktuellen Debatte keine Rolle spielen: „Es gibt kaum Freier, die sich öffentlich outen wollen. Viele schämen sich außerhalb der Bordelle in dieser moralgeschwängerten Kultur schon genug“, erklärt sie. Müller glaubt auch, dass Politik und Gesellschaft kein Interesse daran hätten, sich ausführlich mit den Freiern zu befassen, weil es das öffentliche Bild ins Wanken bringen könnte: „Kämen nette, respektvolle Klienten haufenweise zu Wort, würden das Täterbild des Freiers und somit auch das Opferbild der Hure nicht mehr stimmen. Diese Bilder sind bewusst von Medien und Politik für ihre Zwecke instrumentalisiert.“

Müller erwähnt, dass auch Frauen Kundinnen von ihr seien. Zum Beispiel weil sie Schwierigkeiten mit dem Orgasmus hätten und etwas lernen wollten, wie auch einige Männer. „Sind das dann auch Täterinnen?“, fragt sie. Falle der Täter auf einmal weg und der Freier sei Kunde, würde das den „gesellschaftlichen Schein von Anständigkeit und Moral“ erschüttern, meint Müller. „Stattdessen wird eine sexfeindliche Kultur zementiert, in der verschwiegen werden kann, wo die meiste sexuelle Gewalt stattfindet: in der Ehe und unter Menschen, die sich kennen.“

Wenn der Freier nicht länger als Täter gesehen würde, wer wäre dann für die Missstände im Bereich der Prostitution verantwortlich? Susanne K. arbeitete früher als Sexarbeiterin und ist heute Geschäftsführerin mehrerer Berliner Bordelle. „Die Freier sind nicht die Bösen“, sagt sie. „Es gibt auch Arschlöcher darunter. Aber in der Regel bezahlen sie, bekommen ihren Sex und gehen. Die Politiker hingegen nehmen nur und geben nichts.“ Sie meint damit die deutsche Steuerpolitik.

Die pauschalisierten Steuererhebungen, die gemäß dem Düsseldorfer Verfahren vorab über das Bordell abgerechnet werden müssen, erschweren die legale Prostitution für die Sexarbeiterin. Solange eine Sexarbeiterin gemeldet ist, verdiene der Staat an ihr, unabhängig davon, ob sie sich aus freiem Willen oder mangels einer Alternative prostituiere. Gleichzeitig blieben vielen durch Regelungen in der Asyl- und Sozialpolitik Alternativen zur Prostitution verwehrt: „Der Strich ist dann für viele Frauen doch besser als die Abschiebung oder kein Einkommen.“

Der erste ist „das Gesicht der Freier“

Christiane Howe, Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, hat viel im Bereich der Prostitution geforscht und dabei besonders auch die Rolle des Freiers untersucht. Zur Abwesenheit des Freiers in der Debatte sagt sie: „Es ist immer eine große Hürde, der Erste zu sein, der sich outet. Dann ist man das Gesicht der Freier per se, und das haftet einem an. Man braucht ein ganz dickes Fell dazu.“ Howe findet es problematisch, dass in Forschung und Medien nur wenig über Freier bekannt ist: „Bis heute bestehen die hartnäckigsten Vorurteile: Freier sind allesamt fett, unattraktiv, einsam oder stehen mindestens unter einem enormen sexuellen oder wie auch immer gearteten Druck.“

Aus den wenigen vorliegenden Studien gehe jedoch hervor, dass die Gruppe der Freier in jeder Hinsicht heterogen sei. Um die Sexarbeiterinnen zu unterstützen, müssen Verhalten, Gefühle, Erfahrungen und Motive der Freier besser erforscht und verstanden werden.

Hendrik T. geht 2006 während seiner Studienzeit in Hamburg zu Sexarbeiterinnen. Prostitution ist zu diesem Zeitpunkt bereits legal – entsprechend der rot-grünen Gesetzesreform, die zum Ziel hatte, die Situation der Sexarbeiterinnen zu verbessern. „Die Gesetzeslage, aber auch die offene Verfügbarkeit haben die Besuche bei Prostituierten für mich leichter gemacht“, sagt Hendrik T. Als er das erste Mal ein Bordell aufsucht, muss er in keine zwielichtige Ecke schleichen, sondern findet Prostitution dort, wo er auch sonst häufig mit seinen Freunden unterwegs ist: auf der Hamburger Reeperbahn.

Er geht durch die bunt beleuchteten Straßen und ist unsicher und aufgeregt, aber nicht allein. „Die hohe Frequenz, mit der überall um mich rum Männer aus dem Treiben der Straße in Stripklubs und Bordelle abbogen, hat es leichter gemacht“, erinnert er sich. „Hätte ich befürchten müssen, dass die Polizei an der nächsten Ecke wartet und ich eine peinliche Anzeige bekomme, wäre die Hemmschwelle deutlich höher gewesen.“ Für ihn sei die Legalität wichtig gewesen, sagt Hendrik T., verallgemeinern lasse sich das aber nicht: „Wäre ich regelmäßiger zu Prostituierten gegangen, kann ich mir vorstellen, dass ich auf eine Weise abhängig geworden wäre. Dann wäre es vielleicht nebensächlich, ob Prostitution legal ist oder illegal, ich hätte es so oder so gemacht.“

Sehnsucht nach einem „positiven Gefühl“

Hendrik T. ist nur einer von vielen. Ist er als Freier verantwortlich für die Missstände im Bereich der Prostitution? Oder ist es vielmehr eine fragwürdige Politik, die nicht imstande ist, freiwillig als Sexarbeiterin tätige Frauen anzuerkennen und unfreiwillig oder alternativlos arbeitende zu schützen?

Heute glaubt Hendrik T., dass ihn Unzufriedenheit und Einsamkeit dazu gebracht haben, ins Bordell zu gehen. „Ich hatte Sehnsucht nach einem diffusen positiven Gefühl“, erinnert er sich. „Nachdem sich das Gefühl auch nach wiederholten Besuchen nie eingestellt hat, bin ich irgendwann nicht wieder hingegangen.“

Quelle: http://www.taz.de/!128316/