Callgirl – Das Mädchen von nebenan

Zur Abwechslung mal ein Artikel über eine Prostituierte, die ihrem Beruf nicht aus Geldnot sondern wohl tatsächlich aus Spaß an der Arbeit nachgeht. Jackie ist Soziologiestudentin und hat sogar ein Buch geschrieben…

Von Solmaz Khorsand

  • Prostitution: Zwang oder freiwillig? Opfer oder selbstbestimmt? Ganz Europa debattiert
  • Mit einem Wiener Callgirl in François Ozons Lolita-Film “Jung und schön”

Wien. “Es herrscht Krise”, sagt der alte Mann. Besorgt schaut er auf die junge Frau, die sich vor ihm entkleidet. Sie könnte seine Enkelin sein. Schüchtern behauptet sie, Studentin zu sein. Literatur im zweiten Semester. Nebenbei schläft sie mit Männern. Für 300 Euro die Stunde. Irgendwann tut sie es für 500 Euro. Krise eben. “Ich sollte mehr verlangen”, flüstert Jackie und kichert. Es ist 19 Uhr in der vierten Reihe des Cine Kinos am Fleischmarkt. Auf der Leinwand läuft François Ozons gefeierter Lolita-Streifen “Jung und schön”, ein Film über eine 17-jährige Schülerin aus gutem Hause, die beginnt, sich zu prostituieren.

“Woher nehmen die Regisseure und Drehbuchautoren so etwas? Wieso glauben Sie, dass jemand auf Dauer so viel Geld bekommt, wenn er ein steinernes Gesicht macht und nichts tut”, schnaubt Jackie. Entrüstet schaut sie ihr Gegenüber an. Es ist knapp nach 21 Uhr im Café Markusplatz im 1. Bezirk. Zwei Stunden lang hat sie gemeinsam mit der “Wiener Zeitung” im Kino mitangesehen, wie die schöne Isabelle durch edle Hotels stöckelt, Männer befriedigt, sich herumkommandieren lässt und dabei so unendlich melancholisch dreinblickt.

Kein Bedarf für Retter mit Pretty-Woman-Komplex
Jackie kennt diese Hotels, die wortkargen Männer und die grünen Euro-Scheine auf dem Nachttisch. Und sie weiß, dass es anders geht. Seit sechs Jahren ist die 28-Jährige “Jackie, ein Mädchen aus Wien”, wie sie sich in ihren Blog nennt. Jackie ist eine Hure. Eine Prostituierte. Ein Call Girl. Ganz Europa weiß nicht, wie es mit Frauen wie Jackie umgehen soll. Soll ihr Gewerbe verboten werden? Sollen die Freier bestraft werden, wie es das französische Parlament diese Woche beschlossen hat? Und überhaupt, gibt es so etwas wie freiwillige Prostitution?

Oft wird Jackie diese Frage gestellt. Mit empathischem Blick und sanfter Stimme. “Dieser Paternalismus ist bei mir nicht nötig”, sagt sie entnervt. Sie ist kein Opfer, hatte keinen bösen Onkel in ihrer Kindheit, hängt an keiner Nadel und wartet auch nicht auf einen Retter mit Pretty-Woman-Komplex. Sie hat Spaß an ihrem Job, sagt sie. Sie macht es wegen dem Abenteuer, dem Kick, dem Sex mit verschiedenen Männern, denen sie alles vormachen kann, worauf sie Lust hat. Mal Femme Fatale, mal Unschuld vom Land, aber am liebsten: das Mädchen von nebenan in Schlabberpulli, Jeans und flachen Schuhen.

Heute hat sie sich zurechtgemacht, die junge Frau mit dem schmalen mädchenhaften Körper. Brav sieht sie aus mit den langen blonden Haaren, die sie zu einem strengen Zopf zurückgebunden hat, dem dezenten Make-up und der schmalen Sekretärinnen-Brille. Sie trägt ein graues langes Kleid, dazu Mary-Poppins-Pumps. Ein bisschen erinnert sie ihr Gegenüber an eine Klarinettenspielerin. Zurückhaltend, gouvernantenhaft, fast bieder. Nur wenn sie sitzt, fällt auf, dass das graue Kleid zwei lange Schlitze hat, die den Blick freigeben auf die dünne schwarze Strumpfhose mit einem verspielten Muster auf den Außenschenkeln. “Ich habe das Gefühl, dass das eine Möglichkeit ist für ein ausschweifendes Sexualleben, ohne jetzt die riesigen Verführungskünsten in freier Wildbahn zu haben. Das heißt ja nicht, dass man fad ist beim Sex”, erklärt sie.

150 Euro. Das ist Jackies Stundensatz. Wie viel sie im Monat verdient, will sie nicht verraten. Auch nicht, mit wie vielen Männer sie bisher zu tun hatte. Begonnen hat alles mit einer Fantasie zwischen ihr und ihrem Freund. Was wäre, wenn sie eine Hure wäre, die für Sex mit Fremden Geld nimmt. Erregend war diese Vorstellung für die beiden. “Ich habe mir gedacht, wenn ich das nicht mache, dann bin ich der Feigling und bereue es später”, sagt sie, “und dann geht mir irgendwann einmal etwas ab.”

Eine Woche lang spielte die damals 22-jährige Soziologiestudentin mit dem Gedanken. Eines Abends stolperte ihr auf ihren Weg nach Haus ein beschwipster Mann aus einer Bar vor die Füße. Es war Sommer. Die Uniferien hatten gerade begonnen. Er grüßte. Sie grüßte zurück. Und lächelte. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Und ein paar Stunden später hatte sie die ersten hundert Euro kassiert für eine Stunde Sex. Jackie war geboren.

Anfangs war es elektrisch, erzählt sie. Später konnte sie es mehr genießen, wusste, wie sie die Unerfahrene mimt, die sich ihre Kunden so gerne wünschen, und dabei genau zu wissen, wie sie die “Jungs” händelt. “Meine Jungs”, sagt sie dabei. Es klingt gütig, fast schon mütterlich, auch wenn viele der Männer doppelt so alt sind wie sie.

Vor zwei Jahren hat sie ein Buch herausgebracht: “Hurentaten.” Detailliert beschreibt sie darin ihre Treffen, den Spaß, das Abenteuer, aber auch die Erniedrigung, wenn einer nicht zahlt, oder die bangen drei Wochen, wenn einmal das Kondom geplatzt ist.

Vom Stück Fleisch zur selbstbestimmten Hure
Anfangs hat sie noch Fehler gemacht, nicht gleich nach dem Geld verlangt. Oder einen Kunden oral ohne Kondom befriedigt. Das passiert heute nicht mehr. Verärgert schüttelt Jackie den Kopf über ihr unerfahrenes Ich von damals. Heute hat sie ein klares Prozedere: E-Mail, Anruf, Treffen. Nie trifft sie die Männer an unbekannten Orten, wie dem FKK-Strand in der Lobau, was sich viele wünschen. Während jedes Treffens ruft sie ihren Freund an, gibt ihm Bescheid, wie lange sie bleiben wird. Sie vergewissert sich, dass sie auch überall Empfang hat auf dem Handy, sodass ihr Partner sie erreichen kann, falls sie sich verspäten sollte. Und sie kassiert das Geld am Anfang.

Es sind diese Lernprozesse, die Jackie auch in Ozons Film genau beobachtet hat. Als beispielsweise Isabelle das Kondom bei ihren Kunden durchgesetzt hat. Wie streng sie plötzlich ihren Lohn einforderte, nachdem sie einmal um ihr Geld geprellt worden war. Und dass sie gegen Ende des Filmes so viel dazugelernt hatte, sodass sie ihrem Freund im Schlafzimmer mit einer flinken Fingerübung ein paar Minuten länger bei der Stange halten konnte. Wie kleine Siege führt Jackie diese Beispiele an. Als Beweis dafür, wie plötzlich aus dem schönen Stück Fleisch eine selbstbestimmte Hure wurde, die eine Dienstleistung anbietet: Zuwider sind Jackie die Filme, in denen Prostitution als Abwärtsspirale in Gewalt, Exzess und Abhängigkeit dargestellt wird. “Ich sehe nicht ein, dass wir alle als passiv, dumm und als Opfer dargestellt werden.”

Kontrolle ist wichtig in Jackies Leben. Dass sie jederzeit Nein sagen kann. Dass sie jederzeit aufhören kann. Dass sie, die studierte Soziologin, Alternativen hat. Dass sie nicht angewiesen ist auf das Geld. Dass sie nicht zu den Frauen gehört, die stumm über die Schulter ihres Freiers die Uhr an der Wand fixieren und die Sekunden runterzählen, bis die Stunde zu Ende ist. “Ich verkaufe eine Dienstleistung und dem Typen eine gute Zeit. Sehr oft habe auch ich eine”, sagt sie.

Und was, wenn nicht? Was, wenn ihr einer einmal nicht gefällt? Sie zu etwas zwingt, das sie nicht will? “Die Menschen sind nicht so böse, wie man denkt. Es hat mir noch nie jemand etwas getan, nur weil ich nicht gemacht habe, was er wollte”, erzählt sie. Nein ist Nein. Auch in ihrem Job. Kaum tauscht sich Jackie mit Frauen aus der Szene aus. Sie sieht die anderen gemeldeten Prostituierten nur einmal pro Woche bei der Untersuchung, wo ihr “der Staat in den Intimbereich” schaut. Dann sieht sie die Frauen vom Straßenstrich, von den Bordellen und die Konkurrenz. In der Regel arbeiten die Callgirls, die sie kennt, zwei bis drei Jahre in dem Geschäft.

An das Aufhören denkt sie nach sechs Jahren nicht. Zu sehr reizt sie noch das Abenteuer, sich chic zu machen, Orte zu sehen, die sie privat nicht besuchen würde, und die vielen Rollen, die sie spielen kann.

Wie würde die Mutter auf das Doppelleben reagieren?
Nur ihr Partner und enge Freunde wissen von ihrer Einkommensquelle. Gelegentlich lässt sie ihr Fachwissen im Alltag einfließen, beim Seminar in ihrem Zweitstudium, wenn der Professor hilflos in die Runde fragt, was denn ein Laufhaus sei, oder Bekannte sich wundern, ob Frauen denn tatsächlich Analsex mögen können. Dann muss Jackie schmunzeln.

Ihren Eltern wissen nichts von ihrem Beruf. Sie weiß nicht, wie sie reagieren würden. Vielleicht so wie die Mutter in dem Film, als sie vom Doppelleben ihrer Tochter erfährt und auf sie einschlägt. “Ihr ist dann die eigene Tochter ekelhaft geworden”, sagt Jackie. “Aber nach dem ganzen Duschen ist nichts Ekelhaftes mehr dran. Höchstens eine trockene Haut. Wir sind nicht aus Zucker, wir gehen nicht weg, wir können nicht verbraucht werden.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/?em_cnt=592462

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/?em_cnt=592462&em_cnt_page=2

Polizist über Bestrafung von Freiern: „Prostitution sollte reguliert werden“

Ein Interview mit einem Polizisten zum derzeit hochkochenden Thema.

Zuhälterei und Menschenhandel sind schwer zu erkennen. Ist es sinnvoll die Freier zu bestrafen? Das bringt nichts, meint ein Polizist.

taz: Herr X, Sie sind Insider aus Polizeikreisen – warum wollen Sie sich nur anonym äußern?

X: Zu politischen Debatten wie der jetzigen äußert die Polizei sich grundsätzlich nicht.

Dann mal informell: Die Unionsfrauen wollen Freier von Zwangsprostituierten bestrafen. Ist das eine gute Idee?

Nein. Es gibt immer das Problem des Nachweises. Schon jetzt können wir Menschenhandel und Zuhälterei nur sehr schwer nachweisen, dazu braucht es die Aussage der Opfer. Und die bekommen wir in der Regel nicht. Das ist den Frauen zu gefährlich.

Wie kann der Freier Zwangsprostituierte erkennen?

Gar nicht. Wir haben in unserer Stadt etwa 500 Prostituierte, die sind offiziell alle freiwillig und ganz legal hier. Und wenn eine blaue Flecken hat, dann ist sie „die Treppe runtergefallen“. Man kann da absolut nichts machen.

Nun könnte diese Forderung ja als Türöffner dazu dienen, die generelle Freierbestrafung durchzusetzen, wie sie Frankreich gerade diskutiert.

Das ist auch keine Lösung. Wir hatten schon mal das Verbot von Alkohol, und das war keine gute Erfahrung. Da schoss die Kriminalität in die Höhe.

Aber die Schweden scheinen mit ihrem Sexkaufverbot ganz zufrieden zu sein.

Da bin ich nicht so sicher. Denn dass man Prostituierte nun nicht mehr sieht, heißt nicht, dass sie nicht da sind. Das Problem ist, dass man nun ein riesiges Dunkelfeld hat. Und die Illegalität ist auf jeden Fall gefährlicher für die Frauen als ein Land, in dem man Prostitution vernünftig reguliert.

Und wie?

In Belgien kann man ohne die Aussage des Opfers gegen Menschenhändler ermitteln. Es gibt einen Katalog von Indizien. Wenn eins oder zwei davon erfüllt sind, kann die Polizei tätig werden. Eines der Indizien ist etwa die Tatsache, dass der Frau der Pass abgenommen wurde. Ein anderes, dass sie unmenschliche überlange Arbeitszeiten hat oder kaum eine Pause. Das würde uns sehr weiterhelfen. Gut wäre auch, wenn man Prostitutionsstätten zertifizieren würde.Wer da nicht mitmacht, hat auf dem Markt dann ein Problem.

Quelle: http://www.taz.de/Polizist-ueber-Bestrafung-von-Freiern/!128670/

Die Ware Sex

Ein weiterer Kommentar zum Prostitutionsgesetz…

Wenn man die Situation der Prostituierten in Deutschland ehrlich beschreiben will, kommt man um hässliche Schilderungen nicht herum. Dann muss man die Huren erwähnen, die in Laufhäusern täglich 13 Stunden am Stück Freier bedienen müssen. Die in „Geiz macht geil“-Flatrate-Bordellen arbeiten, in denen der Mann für 49 Euro Sex haben kann, bis er nicht mehr kann. Man muss die Puffs nennen, in denen Männer Vergewaltigung spielen können. Und man muss von den Huren sprechen, die sich auf dem Straßenstrich für 20 Euro verkaufen.

Prostitution in Deutschland bedeutet für viele Frauen harte Arbeit für wenig Geld. Das heißt nicht, dass es keine selbstbestimmten Huren gibt, die kein Problem damit haben, ihren Körper zu verkaufen. Natürlich gibt es auch diese Frauen, und man kann ihre Empörung verstehen, wenn Alice Schwarzer sie alle pauschal zu Opfern degradiert. Für die Emma-Herausgeberin ist es unvorstellbar, dass sich jemand aus freien Stücken prostituiert. Damit bestätigt die Feministin nicht nur das Klischee vom schwachen Geschlecht. Sie verharmlost mit der Gleichsetzung von Armuts- und Zwangsprostitution auch den verbrecherischen Missbrauch von Menschen. Es ist sehr wohl ein Unterschied, ob eine junge Frau aus Osteuropa in Deutschland auf den Strich geht, weil sie hofft, damit mehr Geld als in ihrer Heimat zu verdienen. Oder weil sie von Menschenhändlern dazu gezwungen wird.

Rot-Grün ist gescheitert

Ein bisschen kann man Schwarzers Furor dagegen verstehen, wenn man sich mit dem Milliardengeschäft Prostitution beschäftigt und sich fragt, wer eigentlich daran verdient. Es sind nicht diejenigen, die das Geld anschaffen.

Rot-Grün wollte die Situation von Prostituierten per Legalisierung 2002 verbessern. Das ist, so viel kann man sicher sagen, gescheitert. Von dem Recht, in die Sozialkassen einzuzahlen, machen derzeit nur 44 Prostituierte Gebrauch. Prostitution ist zwar nicht mehr sittenwidrig, mit dem Schmuddelimage müssen die Frauen trotzdem weiter leben. Zugleich verkauft sich die Ware Sex besser denn je. Und da sind es vor allem die Bordellbetreiber, die von der Liberalisierung profitiert haben. Sie konnten ungehindert von behördlichen Auflagen und Kontrollen ein Etablissement nach dem anderen eröffnen und für Edelpuffs werben, als wären es Spaßbäder.

Muss man Prostitution also verbieten, wie die Schweden oder die Franzosen, die in der Nationalversammlung am Mittwoch für ein solches Verbot gestimmt haben? Schauen wir kurz nach Schweden. Dort riskieren Freier Geldstrafen und sogar Haft. Prostitution sei so gut wie verschwunden, feiern die Befürworter. Na ja. Dass man daran Zweifel haben kann, zeigen schon die vielen einschlägigen Treffer, wenn man bei Google Stockholm und Escort eingibt. Man könnte auch in den baltischen Nachbarländern nachfragen, was sie davon halten, dass schwedische Männer bevorzugt als Sextouristen zu ihnen kommen.

Es ist deshalb wohltuend, dass selbst konservative Unionspolitiker in Deutschland nichts von einem Verbot halten, weil es die Prostitution nur in die Illegalität drängen würde. Unbestritten ist aber auch, dass es so, wie es jetzt ist, nicht bleiben kann. Es ist unerträglich, dass Zuhälter Prostituierte anweisen dürfen, nackt zu arbeiten, keinen Freier abzulehnen und für jede sexuelle Praxis zur Verfügung zu stehen. Es ist geradezu absurd, dass es keiner Erlaubnis bedurfte, ein Bordell zu eröffnen. Jede Würstchenbude wird strenger kontrolliert. Das alles wollen Union und SPD nun ändern. Es kann sein, dass die Arbeit durch die Auflagen für manche Prostituierte schwieriger wird. Das Gros der Frauen sollte davon profitieren.

Quelle: http://www.ksta.de

Prostitutionsdebatte: Das Geschäft mit dem Sex – Warum Männer ins Bordell gehen

Bochum. In halb Europa diskutieren Politiker und Frauenrechtlerinnen darüber, wie Huren geholfen werden kann. Doch der Kontinent ist uneinig, ob ein Verbot oder die Legalisierung von Prostitution der richtige Weg ist. Weitgehend unbeachtet bleibt dabei, warum Männer überhaupt ins Bordell gehen. Einblicke in eine bizarre Parallelwelt.

Es ist spät geworden, Torsten und Stefan haben noch nichts gegessen. Also erstmal ‘ne Pizza. Die jungen Männer – beide sind 24 – sitzen in einem Restaurant mitten im Bochumer Rotlichtviertel. Ein schmaler Raum mit kleinen Tischen und wenigen Stühlen, vor der Tür staubige Plastikpflanzen – in dieser Pizzeria kommt es nicht auf die Atmosphäre an.

Ein paar Männer sitzen alleine und schweigend vor ihren Tellern. Hier gebe es „die geilste Pizza in ganz Bochum“, sagt Torsten, die große Salami kostet fünf Euro. Sie möchten „Grundlage schaffen“, Torsten und Stefan haben heute Nacht noch was vor. Sie wollen Sex. Im Puff.

Der „Eierberg“ ist über Bochums Grenzen hinaus bekannt, und das liegt nicht nur am einprägsamen Namen, den der Volksmund dem Viertel am Rand der Innenstadt gegeben hat. Rund um die Gußstahlstraße liegt eine Vergnügungsmeile mit Table-Dance-Bars und Bordellen, eine der größten in NRW. Am Wochenende arbeiten in den Clubs bis zu 200 Frauen. Was denken Huren und Freier über die Prostitutionsdebatte, die aus Frankreich nach Deutschland rüberschwappt? Eindrücke aus einer bizarren Parallelwelt.

Bochum ist nicht Amsterdam, aber die Rotlichtviertel der Städte ähneln sich. 22 Uhr, über das Kopfsteinpflaster flanieren Männer mit glänzenden Augen. Rechts und links sitzen Frauen in Schaufenstern, sie suchen Blickkontakt.

Unter der Woche ist nicht so viel los, dennoch sind an diesem Abend ein paar Dutzend Männer unterwegs. Ein dürrer Endfünfziger mit hoher Stirn schlendert durch die Gasse. Sein Blick ist starr, er mustert eine junge Frau mit roter Brille. Dann geht er zum nächsten Fenster. Mit der Zeitung will er nicht reden: „Hau ab!“ Also weiter.
Ein Kunde sagt: „Ich brauch’ das einfach ab und zu“

Drei angetrunkene Burschen stehen in einer dunklen Ecke und kichern. Dass Pariser Politiker französische Freier mit hohen Geldbußen bestrafen wollen, haben sie bislang nicht mitbekommen, aber sie brauchen nicht lange zur Meinungsbildung. „Ich bin oft hier, bestimmt einmal die Woche“, sagt einer aus dem Trio. Er sieht aus wie ein Junge, nicht älter als 20. „Wenn Prostitution verboten wird, würde mir was fehlen. Ich hab’ gerade keine Freundin, was soll ich denn sonst machen?“

Sein Kumpel schnippt eine Kippe auf die Straße und bläst den Qualm in die kalte Dezemberluft. Er schaltet sich ins Gespräch ein: „Ich brauch’ das hier einfach ab und zu. Das ist doch nicht schlimm, darum müssen sich die Politiker nicht kümmern.“

Schlimm ist, dass sich manche Frauen nicht freiwillig verkaufen. Groben Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland etwa 300.000 sogenannte Sexarbeiterinnen. Es heißt, viele von ihnen werden dazu gezwungen. In Bochum seien solche Fälle allerdings Ausnahmen, sagen sie beim Verein Madonna, der Selbsthilfeorganisation der Bochumer Huren.
Die meisten Freier sind sehr höflich

Sandy kommt schnell zur Sache. „Hast du Lust?“, fragt sie und lehnt sich aus dem Fenster. Aus ihrem Mund klingt die Frage nicht anrüchig, sondern ganz natürlich, wie ein „Wollen wir tanzen?“ in der Disco. Sandy ist 22, hübsch, blond, sie trägt schwarze Reizwäsche. Ihr Zimmer wirkt karg, aber sauber: ein Bett, ein Waschbecken, Gleitgel, eine Schüssel Kondome. Als sie erfährt, dass ihr Gast nur reden will, ist sie nicht begeistert. „Aber ein paar Minuten habe ich.“

Sandy arbeitet seit zwei Jahren als Prostituierte. Sie habe damals schnelles Geld machen wollen. „Natürlich habe ich auch schlechte Erfahrungen gemacht. Manche Männer sind einfach ekelig, ungepflegt. Aber die meisten sind sehr höflich und dankbar.“

Wie sie ihr Geld verdiene, gehe niemanden etwas an. Sie tue sogar etwas Gutes: „Ich möchte nicht wissen, wie viele Vergewaltigungen ich schon verhindert habe, weil die Männer bei mir Druck ablassen konnten.“ Ob sie gar keine Hilfe von der Politik brauche? Sandy überlegt.

Vielleicht könne es ja ein Gesetz geben, das ungeschützten Sex verbiete. Denn immer wieder kämen Kunden zu ihr, die kein Präservativ tragen wollten. „Ohne mach ich’s nicht“, aber sie weiß, dass einige Kolleginnen nicht so wählerisch sind. „So“, sagt sie dann, „jetzt muss ich wieder ein bisschen Geld verdienen.“

Inzwischen ist es halb zwölf. Torsten und Stefan, die beiden Freier aus der Pizzeria, haben aufgegessen. Wo sie nun hinwollen? „Erstmal zu der Schwatten da“, sagt Stefan und zeigt auf ein Schaufenster. „Und wenn ich kann, später vielleicht noch zu ‘ner anderen. Kost’ ja nur 30 Euro.“

Schweden: Prostitution verboten, die Freier bleiben

Interessante Einsichten, Erkenntnisse und Fakten zur Prostitution in Schweden seit dem dortigen Prostitutionsverbot: “Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft”

Wer in Schweden zu einer Prostituierten geht, wird bestraft. Die Regierung ist überzeugt von dem Verbot für Freier, doch es gibt viele Schlupflöcher.

von Lisa Caspari

Das liberale Deutschland und das restriktive Schweden – beim Umgang mit Sexarbeitern konnte es lange fast keinen größeren Unterschied geben. Prostitution ist in Deutschland ein offiziell anerkanntes Gewerbe, Sex kann ganz legal gekauft werden. In Schweden hingegen werden Freier bestraft, wenn sie für sexuelle Handlungen bezahlen. Ganz gleich ob sie dies mit Geld tun oder mit teuren Geschenken, Alkohol oder Drogen. Selbst der Versuch  ist strafbar. Bis zu einem Jahr Haft droht einem Freier laut Gesetz, die Prostituierten bleiben unbehelligt.

In Deutschland plant die Große Koalition eine Verschärfung des Prostitutionsrechts – allerdings nur für bestimmte Fälle. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer zieht das restriktive schwedische Verbotsmodell daher gerne als Positivbeispiel für den Umgang mit Prostitution heran. Doch hat es wirklich so viel gebracht?

Das moralische Selbstverständnis hinter dem schwedischen Gesetz besagt, dass es einen selbstbestimmten Sexarbeiter nicht geben kann. Es bestehe immer ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Käufer und Dienstleister. Eine soziale Gesellschaft könne es aber nicht akzeptieren, dass Menschen ihren Körper “verkaufen”, um Geld zu verdienen. Seit 1999 ist Prostitution in Schweden verboten. Eine Studie ergab 2010, dass sich seitdem die Straßenprostitution im Land halbiert habe.  Es gebe “keine Anzeichen” dafür, dass käuflicher Sex ins Internet oder in private Wohnungen abgewandert sei. Und im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern sei die Prostitution “immerhin nicht gestiegen”. Die Autoren der Studie verweisen aber auch darauf, dass es schwierig ist, das changierende Gewerbe genau zu erfassen und zu analysieren.

Ins Internet abgewandert

Seit Inkrafttreten des Verbots 1999 bis Ende 2012 registrierte Schwedens Polizei 4.782 Fälle von gekauftem Sex, wie eine Studie der Nationalen Behörde für Kriminalprevention (Bra) ergab. 2012 wurden 551 Vorfälle bekannt. Davon führten 343 zu einer Verurteilung des Freiers – für die Regierung eine hohe Zahl, da der Nachweis, dass für Sex tatsächlich bezahlt wurde, schwierig zu führen ist. Allerdings bekommen Freier nach Polizeiangaben zumeist Geld- oder Bewährungsstrafen oder sie müssen gemeinnützige Arbeit leisten. Strafen beginnen bei umgerechnet rund 250 Euro, können aber auch deutlich teurer ausfallen. Kein Freier wanderte bisher ins Gefängnis, nur weil er für Sex bezahlt hatte.

Ohnehin dürfte die Dunkelziffer hoch sein. Wie viele “Bestellungen” sexueller Dienstleistungen im Internet im Schutze der Anonymität getätigt werden, weiß in Schweden niemand so genau. Auch der Nachweis, dass es sich bei Verabredungen zum Sex tatsächlich um Prostitution handelt, ist natürlich schwer zu führen. In diesem Herbst sorgten Recherchen eines Fernsehsenders für Furore: Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft, rechnete man dort vor. “Dass es verboten ist, heißt nicht, dass es nicht passiert”, sagt Olga Persson, Generalsekretärin der Schwedischen Frauenorganisation SKR. “Selbst wenn die Freier erwischt werden: Sie zahlen ihre Strafe und machen weiter.”

Dennoch sehen Sozialarbeiter keine Alternative zu dem Verbot. Sie begrüßen, dass das Gesetz ganz offenbar einen moralischen Effekt hat, sich also die Einstellung der Bürger zur Prostitution verändert zu haben scheint: Umfragen zeigen, dass die Schweden den Kauf sexueller Dienstleistungen deutlich kritischer sehen als noch vor 1999. Darauf verweist Persson ebenso wie Catrin Sandman von der Göteborger Anlaufstelle für Sexarbeiter, Mikamottagningen.

Die Polizei hat nicht genügend Ressourcen

Doch die negativen Folgen der Prostitution existieren in Schweden nach wie vor. Sandman berichtet, dass die Straßenprostitution in Göteborg seit dem offiziellen Verbot des Kaufs sexueller Dienstleistungen hauptsächlich aus dem Ausland organisiert wird. Viele Frauen, vor allem aus Rumänien und Litauen, arbeiteten in der Region Stockholm als Prostituierte. Sexarbeiter selbst werden nicht bestraft, wenn ihr Gewerbe auffliegt.

Am größten jedoch ist der Markt in den anonymen Weiten des Internets. Allein die Göteborger Prostituiertenorganisation zählt 500 bis 600 Frauen, mit denen sie 2012 in Kontakt war und die sexuelle Dienstleistungen online anboten. Vor allem junge Frauen mit Drogenproblemen verkauften dort ihren Körper für Geld. Das eher ernüchternde Fazit: “Es gibt so viele Freier und die Polizei hat nicht die Ressourcen, mehr als ungefähr ein Prozent von ihnen zu verfolgen”, sagt Persson. “Das Verbrechen, Sex zu kaufen, wird leider auch von unserem Justizsystem nicht als Priorität angesehen, weil die Strafen so gering sind.”

Bleiben nur die Perversen zurück?

Mit dem Gesetz sollte es den Prostitutierten eigentlich einfacher gemacht werden, Hilfe von der Polizei und dem Sozialsystem zu bekommen. Doch Sandman bemängelt, dass das Prostitutionsverbotsgesetz nicht konkret von einem Anspruch der Sexarbeiter auf Hilfe spreche. Die schwedische Journalistin und Frauenrechtlerin Petra Ostergren verweist in ihrem Blog außerdem darauf, dass die sozial am schlechtesten gestellten Sexarbeiter – oft solche mit Drogenproblemen – durch das Verbot sogar benachteiligt werden. Ostergrens These: Während bereits zuvor besser gestellte Prostituierte weiterhin im Internet dezent ihrem Job nachgehen können, leiden unter dem Verbot vor allem die Frauen und Männer, die wegen Drogensucht oder anderer Probleme am meisten Hilfe benötigen. Sie prostituieren sich noch immer auf dem Straßenstrich.

Seitdem Freier Bestrafung fürchten müssen, so Ostergren, seien die “Netten” vom Straßenstrich verschwunden, zurück blieben die “Perversen” mit oft gesellschaftlich nicht akzeptierten Wünschen und Gewaltphantasien sowie der Forderung nach sexuellen Handlungen ohne Kondom. Diese wüssten sowieso schon, wie sie es anstellten, nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Aus Geldnot könnten schwedische Straßenprostituierte diese Freier nun nicht mehr ablehnen. Sie müssten zudem mehr Kunden bedienen als zuvor, um über die Runden zu kommen.

Das bestätigt im Grundsatz auch die Göteborger Hilfsorganisation Makamottagningen. Straßenprostitutierte seien dort häufig abhängig von ihren Zuhältern, die oft aus dem Ausland kämen und die Kunden für sie aussuchten. Von Wahlfreiheit kann hier keine Rede mehr sein.

Andere Sozialarbeiter sehen das nicht so dramatisch, es gebe weiterhin “nette Freier”, denn es sei nicht schwer, Sex im Internet zu kaufen. “Prostituierte können sich nun sicherer fühlen, weil das Gesetz auf ihrer Seite ist”, sagt Frauenrechtlerin Persson. Sie könnten den Freier verklagen, wenn er sich nicht respektvoll verhalte. Denn eines, so sind sich die Frauenorganisationen sicher, habe das Gesetz gebracht: Während der Freier am Pranger stehe, werde die Position der Sexarbeiter gestärkt; auch während ihrer Arbeit hätten sie eine gewisse Macht gegenüber dem Freier. Das gilt im übrigen auch für die männlichen Prostituierten – deren Probleme und Sorgen, so sagen Sozialarbeiter, fehlten in der ganz auf die Belange der Frauen ausgerichteten öffentlichen Debatte leider nach wie vor.

Quelle:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe/seite-2

Ein Gesetz, das Zuhältern dient

Ein Kommentar aus der Augsburger Allgemeinen zum aktuellen Prostitutionsgesetz und zu aktuell geplanten Änderungen des Gesetzes:

Was gut gemeint war, ist nach hinten losgegangen: Als Rot-Grün vor einem Jahrzehnt ein Prostitutionsgesetz auf den Weg brachte, sollte das den Frauen helfen. Von Jörg Heinzle

Sie sollten Rechte bekommen wie jeder andere Arbeitnehmer auch. Und ihre soziale Ächtung sollte ein Ende haben. Eingetreten ist davon nichts. Im Gegenteil: Heute arbeiten mehr Frauen unter unwürdigen Bedingungen als damals. Und eine Prostituierte muss es sich noch immer gut überlegen, ob sie zu ihrem Beruf öffentlich steht.

Das Gesetz hatte zahlreiche Geburtsfehler, von denen vor allem Zuhälter und Geschäftemacher im Rotlichtmilieu profitierten. Die rot-grüne Regierung hatte das Bild einer selbstbewussten Prostituierten vor Augen, als sie das Gesetz verabschiedete. In der Realität aber drängen immer mehr Frauen aus Osteuropa ins Milieu. Und die sind in den meisten Fällen abhängig von ihrem Zuhälter. Sei es aus Geldnot, aus falsch verstandener Liebe – oder aus purer Angst.

Es ist dringend nötig, das Gesetz so zu ändern, dass die Polizei in Bordellen wieder besser kontrollieren kann. Es geht nicht darum, Frauen zu schikanieren, die selbstbestimmt arbeiten. Es geht darum, Opfer besser zu schützen. Dass nun auch noch Männer bestraft werden sollen, die zu einer Zwangsprostituierten gehen, hat dagegen eher eine symbolische Wirkung. Wie soll ein Freier erkennen, ob eine Frau unter Druck steht? Sie selbst wird es ihm in der Regel nicht sagen.

Quelle: http://www.augsburger-allgemeine.de

Gegen den Strich

Ein Artikel zur Lage der Prostitution in Berlin – auch mit Stimmen pro Prostitution.

von T. Buntrock, S. Dassler

Arbeiten Huren freiwillig oder unter Zwang? In Berlin gibt es beide Phänomene – und viel Kriminalität

Berlin – Die Meinungen gehen auseinander: „Der Appell von Alice Schwarzer gegen Prostitution wirft uns um Jahre zurück“, sagt Nadine S., die sich vor einigen Jahren als Sexarbeiterin selbstständig gemacht hat. „Meine Kunden sind zu 99 Prozent sehr anständige Menschen“, sagt sie, „es wäre absurd, sie oder mich durch ein Verbot der Prostitution zu kriminalisieren, zumal sie mich als Liebesexpertin schätzen und respektvoll behandeln.“

Dobrinka L. hat da durchaus andere Erfahrungen gemacht. „Ich würde lieber als Putzfrau arbeiten“, sagt die 34-jährige Bulgarin, die seit zwei Jahren in Neukölln anschaffen geht, ihre Kunden sind oft türkische Männer. „Mein einziger Trost ist, dass meine beiden Töchter hier in Berlin in die Schule gehen“, sagt sie. „Vielleicht können sie einen guten Beruf lernen.“

Für Jana Weber vom Berufsverband für sexuelle und erotische Dienstleistungen ist ihr Beruf ein guter. „Das Bild, das gegenwärtig von Politikern und manchen Prominenten verbreitet wird, ist falsch“, sagt sie. „Es gibt Fälle von Menschenhandel, aber hier werden nicht hunderttausend Frauen sexuell geknechtet.“ Ähnlich sieht man das bei Hydra e.V. – einem Verein, der seit 33 Jahren Prostituierte in Berlin berät. Weitaus mehr als die aktuelle Debatte interessiere die Ratsuchenden, dass viele Jobcenter keine Leistungen zahlen, weil sie bezweifeln, dass die Frauen selbstständig arbeiten. Auf höchstens drei Prozent schätzt man in der Beratungsstelle die Zahl der Frauen, die zum Anschaffen gezwungen werden.

Ob in einem Wohnungsbordell, im Massagesalon, einem Großpuff oder auf dem Straßenstrich – in Berlin herrscht keine „Luxusprostitution“, sondern ein „Billigmarkt“, sagt Leonie von Braun, zuständig für Menschenhandel und Zwangsprostitution bei der Staatsanwaltschaft. Gerade 20 Euro zahlten die Freier für Oralverkehr auf dem Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße oder Bülowstraße in Tiergarten und Schöneberg-Nord. Geschlechtsverkehr kostet rund 30 Euro, meist benutzen die Freier kein Kondom. Wer sie im „Escort-Service“ nach Hause begleitet oder in einem Wohnungsbordell bedient, verlange meist 100 Euro.

Die Spezialermittler für Rotlichtkriminalität beim Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft kümmern sich um Zwangsprostitution und Menschenhandel – also solche Fälle, in denen Frauen mutmaßlich gezwungen werden, sich für Sex zu verkaufen oder wenn minderjährige Mädchen missbraucht und dafür nach Deutschland verschleppt werden. Wie schon seit Jahren stammen die meisten Frauen aus Rumänien und Bulgarien. Ihnen werden von Landsleuten Jobs als Pflegekraft versprochen – sie dann aber mit Drohungen und Gewalt zur Prostitution gezwungen. Eine neuere Masche sei das „Loverboy“-Phänomen: Anwerber spielten den Frauen vor, unsterblich verliebt zu sein und eine Familie gründen zu wollen. In Berlin entpuppt sich der „Loverboy“ dann als Zuhälter. Zahlen, wie viele Frauen hier zum Sex gezwungen werden, kann von Braun nicht nennen. Nur selten vertrauen sich die Opfer der Polizei an. Seit fünf Jahren registrieren die Behörden zunehmend Nigerianerinnen, die mit falschen Papieren ausgestattet in Bordellen anschaffen müssen. Sie werden gefügig gemacht, in dem ihnen gedroht wird, dass der Voodoo-Priester sie auch aus der Ferne jederzeit mit Tod und Gebrechen bestrafen könne.

Für Nadine S. sind das schlimme Auswüchse, die aber mit dem „eigentlichen Gewerbe“ nichts zu tun haben. „Leider gibt es Menschenhandel, doch warum redet niemand über die Leute auf dem Bau, in der Gastronomie oder in Privathaushalten?“, fragt sie.

Quelle: http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/809448/

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Debatte um Prostitution: Der unsichtbare Freier

In der Prostitutionsdebatte werden alle Bereiche durchleuchtet: Huren, Bordelle, Gesetze. Nur die Männer nicht, die für Sex zahlen.


Hendrik T. hört die Tür hinter sich ins Schloss fallen und steht wieder auf der Straße. Keiner der vorbeihastenden Passanten bemerkt, wo er gerade herkommt. Er mischt sich in die Menge und beginnt zu weinen, ohne genau zu wissen, warum: Hendrik hat gerade zum ersten Mal für Sex bezahlt – so erinnert er sich.

„Wir fordern: Prostitution abschaffen!“, sagen Alice Schwarzer und die Zeitschrift Emma in einer Petition. Unterschrieben haben auch zahlreiche Prominente und PolitikerInnen. Der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ reagierte unmittelbar mit einem Gegenappell für Prostitution. Nun diskutiert die Gesellschaft wieder über die Prostitution und was denn nun das angeblich Beste für die Sexarbeiterinnen ist. Nur die Freier, Männer wie Hendrik T., kommen kaum zu Wort.

„Durch die momentane Berichterstattung fühle ich mich weder repräsentiert noch angesprochen“, sagt Hendrik T. „Das liegt wohl zum einen an dem sehr undifferenzierten Bild von Freiern innerhalb der Debatte. Zum anderen habe ich das Ganze vollkommen heimlich gemacht, wodurch ich es besser verdrängen und diesen schambesetzten Teil gut von mir lostrennen konnte.“

Hendrik T. ist 29 Jahre alt und Referendar an einer Berufsschule. Und er hatte in der Vergangenheit Sex mit Prostituierten. Offen und selbstbewusst darüber zu reden fällt ihm immer noch schwer. Wenn Hendrik T. über sich als Freier spricht, versteckt er sich hinter umständlichen Sätzen. Es klingt, als sei nicht er, sondern ein anderer Mann ins Bordell gegangen. Diskutieren Leute im Fernsehen oder in den Zeitungen über Prostitution, interessiert es Hendrik T. nur politisch, wie er sagt, als habe es mit ihm selbst nichts zu tun. „Wie der Syrienkonflikt.“

Dann zögert Hendrik T. lange und blickt konzentriert auf seine Hände. Als er wieder aufsieht, sagt er: „Wenn hingegen Menschen, die mir nahestehen, sich abfällig über Bordellbesucher äußern, greift mich das an, und ich fühle mich schuldig, voller Scham. Dann denke ich, dass ich einer von denen sein sollte, die sich für die Rechte von Prostituierten einsetzen und gleichzeitig respektvoll über Freier sprechen. Ohne selbst einer zu sein.“

Freier sind keine Täter, Huren keine Opfer

Alexa Müller, Mitarbeiterin des Vereins Hydra und selbst Sexarbeiterin, nennt mehrere Gründe, warum Erfahrungen von Freiern in der aktuellen Debatte keine Rolle spielen: „Es gibt kaum Freier, die sich öffentlich outen wollen. Viele schämen sich außerhalb der Bordelle in dieser moralgeschwängerten Kultur schon genug“, erklärt sie. Müller glaubt auch, dass Politik und Gesellschaft kein Interesse daran hätten, sich ausführlich mit den Freiern zu befassen, weil es das öffentliche Bild ins Wanken bringen könnte: „Kämen nette, respektvolle Klienten haufenweise zu Wort, würden das Täterbild des Freiers und somit auch das Opferbild der Hure nicht mehr stimmen. Diese Bilder sind bewusst von Medien und Politik für ihre Zwecke instrumentalisiert.“

Müller erwähnt, dass auch Frauen Kundinnen von ihr seien. Zum Beispiel weil sie Schwierigkeiten mit dem Orgasmus hätten und etwas lernen wollten, wie auch einige Männer. „Sind das dann auch Täterinnen?“, fragt sie. Falle der Täter auf einmal weg und der Freier sei Kunde, würde das den „gesellschaftlichen Schein von Anständigkeit und Moral“ erschüttern, meint Müller. „Stattdessen wird eine sexfeindliche Kultur zementiert, in der verschwiegen werden kann, wo die meiste sexuelle Gewalt stattfindet: in der Ehe und unter Menschen, die sich kennen.“

Wenn der Freier nicht länger als Täter gesehen würde, wer wäre dann für die Missstände im Bereich der Prostitution verantwortlich? Susanne K. arbeitete früher als Sexarbeiterin und ist heute Geschäftsführerin mehrerer Berliner Bordelle. „Die Freier sind nicht die Bösen“, sagt sie. „Es gibt auch Arschlöcher darunter. Aber in der Regel bezahlen sie, bekommen ihren Sex und gehen. Die Politiker hingegen nehmen nur und geben nichts.“ Sie meint damit die deutsche Steuerpolitik.

Die pauschalisierten Steuererhebungen, die gemäß dem Düsseldorfer Verfahren vorab über das Bordell abgerechnet werden müssen, erschweren die legale Prostitution für die Sexarbeiterin. Solange eine Sexarbeiterin gemeldet ist, verdiene der Staat an ihr, unabhängig davon, ob sie sich aus freiem Willen oder mangels einer Alternative prostituiere. Gleichzeitig blieben vielen durch Regelungen in der Asyl- und Sozialpolitik Alternativen zur Prostitution verwehrt: „Der Strich ist dann für viele Frauen doch besser als die Abschiebung oder kein Einkommen.“

Der erste ist „das Gesicht der Freier“

Christiane Howe, Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, hat viel im Bereich der Prostitution geforscht und dabei besonders auch die Rolle des Freiers untersucht. Zur Abwesenheit des Freiers in der Debatte sagt sie: „Es ist immer eine große Hürde, der Erste zu sein, der sich outet. Dann ist man das Gesicht der Freier per se, und das haftet einem an. Man braucht ein ganz dickes Fell dazu.“ Howe findet es problematisch, dass in Forschung und Medien nur wenig über Freier bekannt ist: „Bis heute bestehen die hartnäckigsten Vorurteile: Freier sind allesamt fett, unattraktiv, einsam oder stehen mindestens unter einem enormen sexuellen oder wie auch immer gearteten Druck.“

Aus den wenigen vorliegenden Studien gehe jedoch hervor, dass die Gruppe der Freier in jeder Hinsicht heterogen sei. Um die Sexarbeiterinnen zu unterstützen, müssen Verhalten, Gefühle, Erfahrungen und Motive der Freier besser erforscht und verstanden werden.

Hendrik T. geht 2006 während seiner Studienzeit in Hamburg zu Sexarbeiterinnen. Prostitution ist zu diesem Zeitpunkt bereits legal – entsprechend der rot-grünen Gesetzesreform, die zum Ziel hatte, die Situation der Sexarbeiterinnen zu verbessern. „Die Gesetzeslage, aber auch die offene Verfügbarkeit haben die Besuche bei Prostituierten für mich leichter gemacht“, sagt Hendrik T. Als er das erste Mal ein Bordell aufsucht, muss er in keine zwielichtige Ecke schleichen, sondern findet Prostitution dort, wo er auch sonst häufig mit seinen Freunden unterwegs ist: auf der Hamburger Reeperbahn.

Er geht durch die bunt beleuchteten Straßen und ist unsicher und aufgeregt, aber nicht allein. „Die hohe Frequenz, mit der überall um mich rum Männer aus dem Treiben der Straße in Stripklubs und Bordelle abbogen, hat es leichter gemacht“, erinnert er sich. „Hätte ich befürchten müssen, dass die Polizei an der nächsten Ecke wartet und ich eine peinliche Anzeige bekomme, wäre die Hemmschwelle deutlich höher gewesen.“ Für ihn sei die Legalität wichtig gewesen, sagt Hendrik T., verallgemeinern lasse sich das aber nicht: „Wäre ich regelmäßiger zu Prostituierten gegangen, kann ich mir vorstellen, dass ich auf eine Weise abhängig geworden wäre. Dann wäre es vielleicht nebensächlich, ob Prostitution legal ist oder illegal, ich hätte es so oder so gemacht.“

Sehnsucht nach einem „positiven Gefühl“

Hendrik T. ist nur einer von vielen. Ist er als Freier verantwortlich für die Missstände im Bereich der Prostitution? Oder ist es vielmehr eine fragwürdige Politik, die nicht imstande ist, freiwillig als Sexarbeiterin tätige Frauen anzuerkennen und unfreiwillig oder alternativlos arbeitende zu schützen?

Heute glaubt Hendrik T., dass ihn Unzufriedenheit und Einsamkeit dazu gebracht haben, ins Bordell zu gehen. „Ich hatte Sehnsucht nach einem diffusen positiven Gefühl“, erinnert er sich. „Nachdem sich das Gefühl auch nach wiederholten Besuchen nie eingestellt hat, bin ich irgendwann nicht wieder hingegangen.“

Quelle: http://www.taz.de/!128316/

Prostitutionsdebatte: “Sexarbeit wegen fehlender Perspektiven”

Ein recht bodenständiges, realistisches Interview über Prostitution mit Sabine Grenz. Sabine Grenz ist sozial- und kulturwissenschaftliche Genderwissenschaftlerin an der Uni Göttingen. Prostitutionsforschung ist ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Aus Armut oder Abenteuerlust: Manche Frauen entscheiden sich bewusst für die Prostitution, sagt Forscherin Sabine Grenz im Interview. Die Debatte müsse sachlicher werden. von Alexandra Endres

ZEIT ONLINE: Frau Grenz, warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sabine Grenz: Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die Männer selber. Auf jeden Fall dient es auch der Bestätigung ihrer sexuellen Identität. Nehmen Sie zum Beispiel die Annahme, Männer seien triebhafter als Frauen. Es gibt sie erst seit dem 18. Jahrhundert. Sie ist medizinisch nicht belegt, aber ein fester Bestandteil der Vorstellungen, die über Männer gehegt werden und an die die Sexindustrie beständig anknüpft.

ZEIT ONLINE: Der Trieb ist da, weil wir an ihn glauben?

Grenz: Sexualität ist keine ‘natürliche’ Angelegenheit. Sie entsteht auf der Grundlage psychischer und soziokultureller Bedingungen. Wir müssen eine Situation erst als sexuell interpretieren, damit sexuelles Begehren entsteht. Im Alltag wird die Sexualität heterosexueller Männer viel häufiger angesprochen als die von Frauen, wodurch diese Annahmen bestätigt werden. Aber eine physiologische Grundlage für einen stärkeren männlichen Trieb gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Prostitution bestätigt also eine bestimmte Rollenverteilung.

Grenz: Sie bestätigt die vorherrschende Vorstellung davon, dass Männer triebhafter und damit auch egoistischer und weniger liebesfähig seien als Frauen. Eine Sexarbeiterin kann hier die klassische weibliche Rolle einnehmen, liebevoll und fürsorglich sein. Ist sie zu distanziert, oder schaut sie auf die Uhr, können Freier das unangenehm finden.

ZEIT ONLINE: Obwohl sie für die Zuwendung bezahlen?

Grenz: Jemandem Geld zu geben, ist auch eine Form der Fürsorge. Der Widerspruch zwischen Geld und Intimität ist nur ein scheinbarer, sonst würden sicher viele Ehen nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Wie viele Männer gehen überhaupt zu Prostituierten?

Grenz: Es gibt kaum Zahlen darüber. Vor ungefähr zehn Jahren ergab eine Emnid-Befragung, dass etwa 30 Prozent der deutschen Männer mindestens einmal in ihrem Leben bei einer Sexarbeiterin waren. Ein Viertel davon ging wiederholt. Übrigens benutze ich hier die weibliche Form ‘Sexarbeiterin’, aber gemeint sind selbstverständlich auch Männer und Transsexuelle.

ZEIT ONLINE: Trotz der Legalisierung von Prostitution ist die Sexindustrie eine Schattenwirtschaft. Für wie groß halten Sie die Branche?

Grenz: Eine Schätzung geht von rund 14,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr aus. Als Grundlage werden 400.000 Sexarbeiterinnen in Deutschland genommen, was meiner Ansicht nach eine zu hohe Zahl ist. Wenn man sich anschaut, wie viele Sexarbeiterinnen in den Ballungsräumen geschätzt werden, und das auf ganz Deutschland hochrechnet, scheint die Anzahl von rund 200.000 wahrscheinlicher. Dadurch verringert sich auch der Umsatz.

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit zirkulieren viel höhere Zahlen.

Grenz: Ja, man liest häufig von 400.000 oder gar 700.000 Sexarbeiterinnen deutschlandweit. Diese Zahlen sind aber nicht belegt.

ZEIT ONLINE: Und wie viele Frauen werden zur Prostitution gezwungen? Die amtliche Statistik hat im vergangenen Jahr 558 Fälle von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung erfasst. Aber Polizisten, die im Milieu ermitteln, sagen, jährlich würden Zehntausende Frauen und Mädchen nach Deutschland gebracht. Die meisten unter Zwang.

Grenz: Es wurde einmal geschätzt, dass zwei bis 20 Prozent aller Sexarbeiterinnen zu ihrer Arbeit gezwungen werden….

ZEIT ONLINE: Dann käme man auf 4.000 bis 40.000 Zwangsprostituierte in ganz Deutschland.

Grenz: Ja, aber verlässliche Zahlen gibt es nicht, auch nicht über das Ausmaß des Menschenhandels. Innerhalb der EU gibt es auch in Bezug auf Osteuropa zunehmend Freizügigkeit. Es weiß auch niemand, wie viele von denen, die nach Deutschland geschmuggelt werden, das Land wieder verlassen oder ausgewiesen werden und wieder zurückkehren.

ZEIT ONLINE: Für wie glaubhaft halten Sie die Behauptung, dass diese Frauen freiwillig nach Deutschland kommen, um sich hier zu prostituieren?

Grenz: Es gibt Frauen, die sich ganz bewusst entscheiden, als Sexarbeiterin nach Deutschland zu gehen. Es ist eine Frage der Perspektiven, die die Frauen dort haben, von wo sie kommen. Manchmal geht es um Abenteuerlust, manche kommen aber auch aufgrund falscher Versprechungen und finden sich hier in einer Falle wieder.

ZEIT ONLINE: Die Frauen kommen aus ökonomischer Not?

Grenz: Ja, auch. Solange Armut besteht, wird es Menschen geben, die wegen fehlender Perspektiven in die Sexarbeit gehen. Durch Verschuldung bei Kontaktpersonen und – je nach Herkunftsland – Schleppern, kann aus der ursprünglich freien Entscheidung schnell eine Zwangslage werden. Die Grenzen sind fließend. Es gibt Migrantinnen, die selbstbestimmt arbeiten – ebenso wie es deutsche Sexarbeiterinnen gibt, die zur Sexarbeit gezwungen werden, oder deshalb Sexarbeit machen, weil sie keine Alternative sehen.

ZEIT ONLINE: Sie gehen lieber auf den Strich, als von Hartz IV zu leben oder einen schlecht bezahlten Job anzunehmen?

Grenz: Unter Umständen: Ja. Schauen sie sich an, welche Berufe die meisten jungen Frauen nach dem Schulabschluss wählen bzw. welche Ihnen empfohlen werden. Es sind überwiegend schlecht bezahlte Service- und Pflegeberufe. Das ist für manche keine wirklich bessere Tätigkeit, zudem unflexibler als die Sexarbeit. Wenn die strukturelle Ungleichheit zwischen beiden Geschlechtern beseitigt würde und Frauen – gleiches gilt für Migranten oder Migrantinnen – auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen hätten, gäbe es sicher weniger Sexarbeiterinnen; im Idealfall nur die, die es wirklich wollen. Das ist nämlich möglich, auch, wenn sich viele nicht vorstellen können, Sexualität als etwas Kommerzielles zu sehen. Sexarbeiterinnen können ein anderes Verhältnis dazu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Wie viel kann eine Frau in dem Geschäft denn verdienen?

Grenz: Das hängt davon ab, unter welchen Bedingungen sie arbeitet. Zwischen 1.000 Euro pro Abend und so geringem Einkommen, dass man kaum über die Runden kommt, ist alles möglich. Zwei Prostituierte aus Rumänien, von denen ich kürzlich gelesen habe, kamen am Monatsende auf rund 2.000 Euro, schwarz natürlich. Das ist verhältnismäßig viel Geld, aber sie sorgen damit nicht unbedingt vor.

ZEIT ONLINE: Es mag mehr sein als in vielen anderen Berufen. Aber das Risiko, ausgebeutet zu werden, ist in einer kaum kontrollierbaren Branche wie der Sexindustrie doch viel höher – zumal für Frauen, die illegal hier sind und arbeiten.

Grenz: Ausbeutung von illegalen Einwanderern findet man auch in anderen Wirtschaftszweigen; in der Baubranche oder in der Landwirtschaft zum Beispiel. Darüber gibt es viel weniger Aufregung als über Zwangsprostitution, dabei ist der Skandal eigentlich derselbe. Der wesentliche Grund dafür scheint zu sein, dass Sexualität stärker emotional aufgeladen und mit unserer Identität verbunden ist, als andere Tätigkeiten.

ZEIT ONLINE: Sollte die nächste Bundesregierung das Prostitutionsgesetz nun ändern?

Grenz: Die derzeitige Gesetzeslage ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Bevor wir jedoch über Änderungen reden, müssen wir die Debatte versachlichen. Die momentane Aufregung tut der Sache nicht gut. Die Regierung Nordrhein-Westfalens folgt einem guten Ansatz…

ZEIT ONLINE: Welchem?

Grenz: Die Gesetzesänderung, die 2002 wirksam wurde, ist bis heute nicht vollständig in die Landes- und Kommunalpolitik eingeflossen. Um dies für NRW zu tun, wurde dort ein Runder Tisch zur Prostitution einberufen, bei dem alle Beteiligten miteinander ins Gespräch gebracht werden: Behörden, Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen, die Sexarbeiterinnen selbst. Vor allem mit ihnen müsste viel mehr gesprochen werden als über sie. Um sie geht es schließlich.

Quelle:
http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-11/prostitution-freier-zwang-interview

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-11/prostitution-freier-zwang-interview/seite-2

Prostitution in Berlin – Sex ohne Grenzen

Ein, wie ich finde, lesenswerter, weil nicht eindimensionaler, Artikel über Prostitution und Freier – sogar mal mit Freierstimmen! Es wird vieles beschrieben, aber wird auch zwischen den Zeilen geurteilt? Entscheidet selbst…

Weil Prostitution in Deutschland legal ist, strömen Schweden, Briten und Schweizer ins Land. Vor allem nach Berlin. Während derzeit in der Politik über härtere Gesetze und Strafen diskutiert wird, ist käuflicher Sex billig wie selten zuvor. Ein Besuch in einem Flatrate-Bordell.
Was Åke an Berlin besonders gefällt, ist nicht die Museumsinsel oder der Fernsehturm, es sind nicht mal die Bierpreise, es sind die Frauen, die er hier getroffen hat. Die Berliner Frauen nämlich wissen, was sie wollen. Sein Geld. Dafür, sagt Åke, wüssten sie auch, was sie zu geben bereit sind. Ein wenig Smalltalk, viel Sex. Åke lächelt zufrieden. Über so viel Eindeutigkeit freut er sich.

Åke ist 49 Jahre und ziemlich groß. Er kommt aus Stockholm, Schweden, und seine weißblonden Haare bilden einen auffälligen Kontrast zu seiner Bräune. Er sieht aus wie jemand, der ohne Weiteres für eine Rasierwasser-Werbung gebucht werden könnte.

Natürlich hat er einen Nachnamen. Doch den braucht es nicht, dort, wo er jetzt ist.

An einem Mittwoch im November sitzt Åke auf einer Couch in einer Berliner Vier-Zimmer-Wohnung. Vor ihm ein flacher Tisch mit Schälchen voller Erdnüsse, aus den Lautsprecherboxen über ihm dudelt Elektropop. Hier wird jeder beim Vornamen genannt.

Åke trägt nur ein Handtuch um die Hüften, so wie alle in der Wohnung. Neben dem Zimmer, in dem er sitzt, und einer Sauna, gibt es ein Bad, eine Küche und einen Raum groß wie ein Saal. Darin stehen zwei riesige Betten. Es riecht nach warmer Saunaluft.

Kein Name an der Klingel

Auf dem Klingelschild am Eingang zu der Wohnung steht kein Name, sondern kleingedruckt Öffnungszeiten. Vor den Fenstern hängen Vorhänge. Sonst deutet wenig darauf hin, dass in diesen Zimmern jeden Tag 30, 40, manchmal 70 Männer Sex haben. Je nachdem, wie die Stimmung ist, sind drei, vier, fünf Männer gleichzeitig mit einer oder zwei Frauen aktiv. Die Wohnung liegt in einem der Berliner Kieze, in dem die Mieten erst seit kurzem steigen. Sie ist eines von etwa 800 Bordellen, die es in der Stadt geben soll.

In den vergangenen Wochen ist viel über Frauen gesagt und geschrieben worden, die mit Sex ihr Geld verdienen. Alice Schwarzer stellte ihr neues Buch vor, in Talkshows prangerten die einen Prostitution an, während die anderen ihr Gewerbe verteidigten. Mit den Männern, den Kunden, sprach kaum jemand. Weshalb zwar viele vermuten, aber kaum jemand weiß: Wer sind die Freier?

Männer wie Åke, ohne die es diese Wohnung nicht gäbe; ohne die sich CDU und SPD derzeit nicht in Ankündigungen überbieten würden, Prostitution bald schärfer regeln zu wollen.

Kaum Informationen über die Freier

Verlässliche Daten über Freier gibt es wenige, Schätzungen zufolge bezahlen 600 000 Männer bundesweit jeden Tag für Sex. Bordellbetreiber, Sexualberater und Polizisten halten hinsichtlich der Herkunft der Freier die „Jedermann-These“ für plausibel. Demnach stammen Freier aus allen sozialen Schichten, Kulturen und Altersgruppen.

In Berlin gibt es neben kleinen und großen Bordellen kilometerlange Straßenstriche, bekannt sind Kurfürstenstraße, Tiergarten und Oranienburger Straße. Dazu kommen Straßen in Buch, Neukölln, Hohenschönhausen und Spandau.

Åke hat sich an diesem Mittwochabend gerade erst in einem Taxi von einem Geschäftstreffen zu der Wohnung fahren lassen. Er will entspannen. Wie die meisten der 30 Männer, die gerade in der Sauna schwitzen – oder eben Sex haben – ist Åke nicht zum ersten Mal hier. Er mag die Gemütlichkeit, den Smalltalk auf der Couch, vor allem mag er das Unkomplizierte. „Ich habe nun mal viel Lust auf Sex und bin bereit, zu zahlen, wenn es sein muss“, sagt Åke.

Irgendeine dieser Wohnungen ist immer offen, wenn eine Reise ihn nach Berlin führt. Das läuft dann ab wie bei dieser: Åke klingelt, zahlt 70 bis 100 Euro, legt seine Klamotten ins Regal, duscht, nimmt ein Handtuch, nippt an einer Cola, isst einen Happen, und überlegt sich, mit wem er diesmal anfängt.

Kondome in Körben

Die Wohnung ist kein Puff wie man ihn aus Filmen kennt, mit Zimmern wie Verrichtungsboxen, die von dunklen Gängen abgehen. Hier gibt es einen für alle einsehbaren Tummelplatz, in dessen Mitte Kingsize-Betten stehen, neben denen Kondome in Körben liegen.

Auf diesen Betten treffen viele Männer auf wenige Frauen. Wenn eine Frau nicht mehr möchte, geht sie duschen, für sie kommt eine Neue auf’s Bett. Das ist „Flatrate-Sex“, den Alice Schwarzer als besonders frauenverachtend bezeichnet hat, den CDU und SPD verbieten wollen.

Einmal zahlen, den ganzen Sex haben

Das Prinzip ist simpel: Wer einmal Eintritt zahlt, darf Sex mit den anwesenden Frauen haben bis der Laden am späten Abend schließt. Gruppensex gefällt nicht jedem. Das Konzept aber wird populärer, Läden wie dieser boomen. In traditionellen Puffs schließlich kostet eine halbe Stunde 50 Euro und jede Minute länger extra.

Åke machen nackte Männer neben ihm nichts aus. Sein Selbstbewusstsein schützt ihn davor, sich zu genieren. Man glaubt ihm sofort, dass er nie Mühe hatte, Frauen in der Uni, im Job, in der Disko kennenzulernen. Respektvoll erzählt er von seinen Exfreundinnen, davon, wie erstaunlich verständnisvoll sie auf seine Lust, mit anderen zu schlafen, reagiert hätten. Derzeit habe er keine Freundin. Und wenn doch, sagt er, wäre er trotzdem hier.

Aus der Dusche kommt Jana. Sie föhnt ihre roten Haare, reckt den Kopf und stellt fragend einen Vergleich an, der Åke gefällt: Ob er nicht dieser Hollywood-Typ sei, der neulich „in so einem Politik-Film“ zu sehen war? Åke lächelt, nein, Robert Redford sei dann doch jemand anderes: „But thanks for asking!“

Åke und Jana steuern das Kingsize-Bett an, ein Tross schweigsamer Mittvierziger trottet hinterher. Jana ist beliebt. Sie macht es auch anal.

In Schweden machen sich Freier schon strafbar

Von der Forderung, käuflichen Sex hierzulande zu bestrafen, hat Åke gehört. In Schweden, wo er mit Booten handelt und den Sozialdemokraten beigetreten ist, machen sich Freier schon strafbar.

Auch das trägt zu dem bei, was Prostitutionsgegner anprangern: Weil käuflicher Sex in Deutschland legal ist, strömen Schweden, Briten, Schweizer ins Land – und vor allem nach Berlin. Bordellbetreiber und Huren berichten von Kunden aus ganz Europa. Und seit Jahrzehnten war Sex nicht so billig.

Gerade 70 Euro kostet Åke der ganze Abend diesmal – in Stockholm ist das sein Stundenlohn. Für das Geld gibt es außerdem viel mehr als schnellen, heimlichen Verkehr auf Parkplätzen, der auch in Schweden zu haben ist. In Deutschland wird für Fetisch- und Gruppensex geworben.

Aber warum versucht Åke nicht, Frauen bei Kongressen oder in Bars kennenzulernen? Er, der mit Robert Redford verglichen wird. Die Zeit sei ihm zu schade, sagt er. Außerdem sei er gar nicht sicher, ob ihn nicht auch etwaige Affären eher wegen seines Geldes nehmen wollten als wegen seiner babyblauen Augen. Und Jana, meint Åke, sehe ziemlich glücklich aus.

Jana, 28 Jahre, ausgebildete Krankenschwester, sagt: „Ich bin Hobbyhure.“ Als sie anfing, mit zwei, drei Männern gleichzeitig zu schlafen, habe sie dafür kein Geld bekommen. Sie habe in Sexforen und Clubs nach Gelegenheiten gesucht. Am Wochenende kann man Jana heute noch in Berliner Clubs treffen, tanzend, knutschend, mit Männern, Frauen, Pärchen.

Erst Krankenschwester, jetzt Hobbyhure

Erst andere Frauen, „richtig Professionelle“, hätten darauf bestanden, dass sie Geld nehme. Nun macht auch Jana 70 Euro die Stunde. Als Krankenschwester waren es 15,50 Euro.

Später an diesem Mittwoch betritt ihr Freund die Wohnung. Alexander, Anfang 30, Pädagoge aus Berlin, ist ein freundlicher, jungenhafter Mann. Er sagt: „Ich wollte meine Liebste abholen.“

Alexander besitzt keine Boote und ist oft damit beschäftigt, seinen Vater zu pflegen. „40 Jahre Bau, das hat bei meinem Alten schon Spuren hinterlassen“, sagt Alexander und nimmt sich eine Fanta. Jana habe er über ein Dating-Portal kennengelernt. Durch sie habe er zum Gruppensex gefunden. Klar, inzwischen zahle er Eintritt in verschiedenen Etablissements, sei also auch ein Freier. Ihn habe die Beziehung mit Jana „einfach geiler“ gemacht, er brauche mehr als früher. „Ich muss einiges nachholen“, sagt Alexander. „Bis 30 war ich ein Nerd.“

Keine Frauen mit blauen Flecken

Jana ist auf einem der Kingsize-Betten beschäftigt. „Vögeln“ würde sie sagen, „arbeiten“ würde das Finanzamt sagen, „ausgebeutet und erniedrigt werden“, würden wahrscheinlich Alice Schwarzers Anhängerinnen sagen. Ist Jana eine typische Sexarbeiterin, Alexander ein typischer Freier?

„Das nun auch nicht“, sagt er. „Viele Mädchen wollen schnell möglichst viel verdienen, oder die füttern einen Macker durch.“ Alexander meint Frauen aus Osteuropa. Dass die meisten von ihnen zur Prostitution gezwungen würden, glaubt er nicht. Aus reiner Lust machten sie es aber auch nicht, sondern des Geldes wegen, wie wohl kaum jemand gern hauptberuflich Putzen gehe.

Jana hat zusammen mit einer Freundin angefangen – der Betreiber der Wohnung habe ihnen gleich gesagt, wer einen Zuhälter hat, brauche es gar nicht erst versuchen. Für Frauen mit blauen Flecken gilt das sowieso. Es gebe ohnehin ausreichend Interessentinnen, sagt der Betreiber. Viele Läden werden außerdem von der Polizei überprüft, die Frauen einzeln zu den Arbeitsbedingungen befragt.

Dorfkönige in Berlin

Dass nicht jeder Gast ein scheuer Spätzünder ist, wird kurze Zeit später deutlich. Es klingelt, die zuständige Hausdame öffnet die Tür, kalte Luft strömt in den Flur, schwere Schuhe poltern über das Parkett, in ihnen steckt ein grinsender Hüne: „Ah, ein neues Gesicht!?“ Die Hausdame sagt artig: „Ich bin die Maria!“

Jana ist fertig, kommt nackt aus dem Zimmer. Der Hüne winkt, man kennt sich, er kommt wöchentlich. Einige sagen, er erzähle gern Herrenwitze, nach denen er zustimmendes Gelächter erwarte. Irgendwo in der Provinz werde er als Dorfkönig verhätschelt. Mit diesem Ego fahre er nach Berlin. Hier wird er nur „der Magdeburger“ genannt.

Der Magdeburger ist einer jener Männer, die einen Schlüsselanhänger ihres Fußballvereins haben und wissen, in welcher Tankstelle auf 500 Kilometern Autobahn der Liter zwei Cent günstiger ist.

Er ist so etwas wie der beschwerdeführende Verbraucherschützer unter den Freiern. So wie er online in Autoforen nach Winterreifen sucht und Kommentare über den Service in Werkstätten hinterlässt, so informiert er sich auf Erotikseiten, ob „irgendwo eine Neue angeboten“ wird.

Freier kommentieren in Internetforen

In den Chats auf den Internetseiten für Freier wird hemmungslos kommentiert. „Kriegt beim Blasen den Mund nicht auf“, steht dann da, oder „die mit den vielen Tätowierungen sieht halt schon etwas verlebt aus“. Hoffentlich, schreibt ein anderer, seien keine „Möchtegern-Porno-Stuten“ da, sondern „naturgeile Mädels“.

Naturgeil ist beliebt. Åke, Alexander und der Magdeburger sagen unabhängig von einander, „nichts sei abtörnender“, als eine Frau, die eigentlich keinen Sex wolle. Nicht nur die Freier, auch Jana und die Hausdame Maria berichten, dass viele Gäste explizit nach Frauen fragten, die nur gelegentlich Sex für Geld haben. Professionelle Huren, womöglich „noch süchtig“, seien zumindest in dieser Wohnung nicht begehrt.

Für den Magdeburger ist das Freierdasein ein sorgsam gepflegtes Hobby. Seit der Wende ist er in halb Norddeutschland unterwegs gewesen. Selbstverständlich weiß er, wie viele Damen es waren: „ganz bald 1500“.

Der Magdeburger ist geschieden, die gemeinsame Tochter bald erwachsen. Dürfte sie sich prostituieren? Nein, aber es gebe auch noch eine Menge anderer Jobs, die sie nicht machen sollte. Er macht ein Bier auf, verschränkt die Hände hinter dem Kopf.

Keine Schamgefühle für bezahlten Sex

Ist ihm peinlich, dass er 99 Prozent der Frauen in seinem Leben bezahlen musste? Nein, und wenn er nicht bei einem Sportverband angestellt wäre, dürfte man seinen vollen Namen notieren. Unbezahlten Sex hatte er lange nicht. „Und wenn schon“, sagt er. „Auch für die meisten normalen Frauen ist Geld nu’ ma’ ein wichtiger Grund überhaupt… Kennen sie eine, die einen armen Schlucker nimmt?“

Enttäuscht klingt der Magdeburger nicht. Sollte er über die Macht des Geldes in dieser Welt mal traurig gewesen sein, ist das lange her. „Auf die eine oder andere Art wollen Frauen halt Kohle, mindestens aber Anerkennung für Sex.“

Åke kommt ins Zimmer, seine weißblonden Strähnen sind verschwitzt. Der Magdeburger fragt ihn prompt, wer alles da sei. Ah, die Sarah auch, passt, die hatte er noch nicht. Routiniert hebt er sich aus der Couch.

Åke beginnt ungefragt: „In Schweden herrschen die Taliban, die Feministinnen-Taliban.“ Die Frauenpolitik seines Landes gehe ihm zu weit. Gegen Zwangsprostitution – Åke spricht von „organisierter Vergewaltigung“ – müsse der Staat hart vorgehen. Wer aber sein Auto, seine Schulden, seinen Lifestyle lieber durch Sex finanzieren wolle als durch Kellnern, solle in Ruhe gelassen werden.

In zwei Wochen ist er wieder in Berlin.

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/prostitution-in-berlin-sex-ohne-grenzen/9126180.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/prostitution-in-berlin-kondome-in-koerben/9126180-2.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/prostitution-in-berlin-keine-frauen-mit-blauen-flecken/9126180-3.html

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“Prostitution ist in der Mitte der Gesellschaft”

Ein Roman über das Rotlichtmilieu, Freier und Prostitution – lesenswert? Könnte ja ganz amüsant sein, wer weiß…

Leben als Material: Ulrich Wickert im Gespräch mit dem Autor Clemens Meyer über seinen Bordellroman “Im Stein”

Es gibt wenige deutsche Schriftsteller, die so wirklichkeitsversessen sind, wie der Leipziger Clemens Meyer. Für seinen neuen Roman hat er umfangreich im Rotlichtmilieu recherchiert, in Deutschland und auch in Japan. “Im Stein”, gerade bei S. Fischer erschienen, gilt als einer der Favoriten für den Deutschen Buchpreis, der im Oktober verliehen wird. Der Journalist und Buchautor Ulrich Wickert spricht mit Meyer über käuflichen Sex, das Leben und das Schreiben.

Ulrich Wickert:

Der Begriff “Im Stein” kommt in Ihrem Roman auch vor, aber eher nebenbei. Häuser sind aus Stein gebaut, aber in Ihrem Roman geht es um Frauen und Männer und die Fleischeslust.

Das ist zugegebenermaßen ein etwas kryptischer Titel. “Im Stein” bedeutet auch natürlich die Stadt, in der das spielt. Die Figuren sind gefangen in diesen Mauern. Es ist auch das romantische Motiv mit drin, das steinerne Herz, der steinerne Gast, der Mann aus Stein. Und es ist archäologisch gemeint: Wir gehen in einem Kapitel in die Schichten der Erde hinein. Wir beobachten die versteinerten Figuren, als wenn wir in einer Million Jahren draufgucken würden.

Ich halte “Im Stein” für einen großen Gesellschaftsroman, wie er seit sehr Langem in Deutschland nicht mehr geschrieben worden ist. Allerdings schildern Sie die Gesellschaft aus einem Blickwinkel, der bei vielen Menschen noch als tabu gilt.

Das sogenannte Rotlichtmilieu ist ja eigentlich ein Ort, eine Zone, in dem sich die ganze Gesellschaft trifft. Hier gibt es eben auch Vorgänge, wie sie allerorten vorkommen – in der Hochfinanz, in der Handelswelt, in der Industrie. Es treffen sich dort alle Schichten. Es ist ein Spiegelbild, aber auch ein Zerrbild der Gesellschaft.

Was ist Prostitution für Sie?

Sie ist ein Phänomen, das es seit vielen Jahrhunderten gibt. Man denkt, sie spiele sich am Rande der Gesellschaft ab, tatsächlich aber ist sie in unserer Mitte. Sie ist ein Geschäft, das durch das Internet eine unglaubliche Beschleunigung erfahren hat. Hier treffen unglaublich viele Schicksale, Menschen und Leben aufeinander. Sie ist ein großer Wirtschaftszweig, aber noch viel mehr als das. Sie ist ein Mythos von eigentlich shakespeareschem Ausmaß.

Der Leser merkt, dass der Roman zum großen Teil in Leipzig und Halle spielt. Die Städte werden aber nicht genannt.

Zum Teil ist es natürlich Leipzig. Aber die Stadt ist auch etwas größer. Ich wollte einen mythologischen allgemeingültigen Raum eröffnen, den Roman einer ostdeutschen, mitteldeutschen Metropolis erzählen, eines großen Sündenbabel. Es sollte sich ein bisschen von Leipzig entfernen, weil mir diese Stadt auch zu klein vorkam und ich auch nicht wollte, dass Recherchen angestellt werden: Gibt es diese Leute? Gibt es diesen oder jenen Zimmervermieter, Immobilienkönig, Rotlichtkönig?

Wie ausführlich und wie lange haben Sie recherchiert?

Ich habe im Laufe der fünfzehn Jahre Arbeit am Buch bestimmt 60, 70, 80 Frauen getroffen und mit ihnen gesprochen, allerdings nicht als klassischer Fragesteller. Wenn man fragt, sind die Auskünfte nicht besonders gut. Man muss warten, bis das fließt. Und dann habe ich die Ohren und Augen offen gehalten, habe geschaut, was es alles so gibt, habe auf Gerüchte gehört, habe Figuren umkreist, ohne dass die mich überhaupt persönlich kennen. Ich habe keine der Rotlichtgrößen persönlich getroffen – auf die Entfernung ja, ich habe den einen oder anderen gesehen, habe mich in der Nähe aufgehalten. Aber das Wichtigste war die Lektüre – Wirtschaftsromane, Lebensberichte von Prostituierten. Aber ich musste das wieder verlassen, denn ich wollte keinen Milieuroman schreiben, wie Wolf Wondratscheks “Einer von der Straße”. Ich merkte schon relativ schnell, dass das nicht alles sein kann, dass nur allein die genaue Kenntnis des sogenannten Rotlichtmilieus mich auf Dauer nicht weiterbringen würde. Es musste da noch viel, viel mehr hineinfließen.

Im dem Roman geht es in vielen Details darum, wie das Gewerbe ausgeübt wird. Trotzdem habe ich den Eindruck, Sie gehen sehr brav mit dem Sex um. Sind Sie prüde?

Nein, eigentlich nicht, aber ich freue mich, dass Sie das so sehen. Ein paar Leute haben auch ganz schön geschluckt. Ich glaube aber, dass der Sex, der dort stattfindet, natürlich auch ein anderer Sex ist als der leidenschaftliche Sex unter Partnern. Es ist eben doch eine unterkühlte Sexualität.

Ich habe auch oft geschmunzelt. Da gibt es Abkürzungen, die eine Art Betriebsanleitungen sind. ELFOKB, Dinge, wo ich dann gar nicht weiß, was es eigentlich ist. Was ist zum Beispiel EL?

Das müsste Eierlecken sein. Das Bizarrste, was mir untergekommen ist, ist AHV. Das ist Achselhöhlenverkehr. Ja, das findet man, das Sexalphabet. Und das wird immer mehr und am Ende verliert man auch den Überblick. Da gibt es etwa diese Figur Eggi, einen Freier, den Prototyp des Kunden, der von einer Sauerei in die nächste tappt. Aber dieser Sex bleibt natürlich an der Oberfläche. Je mehr sich dieser Eggi in die Perversion reinwirft, umso lächerlicher wird’s eigentlich. Ich will überhaupt nicht gegen den Sex mit Prostituierten sprechen. Ich glaube, dass da auch durchaus das eine oder andere Mal ein guter Sex entstehen kann. Aber es ist natürlich eine andere Sexualität.

Ist “Im Stein” nicht auch ein Ost-West-Roman?

Ja. Es geht unter anderem um die Kämpfe zwischen westdeutschen und ostdeutschen Zuhältern. Der Begriff Zuhälter taucht übrigens im Roman kaum auf. Die Figuren verwehren sich dagegen. Aber es gab die Zeit um 1990, da kam die alte Ludengarde rüber gefahren und wollte diesen großen neuen Markt abgrasen, während sich die ostdeutsche Szene erst einmal formieren musste.

Bei Ihnen wird der käufliche Sex zum größten Teil wie ein ganz normales Arbeitsleben geschildert, wie am Fließband.

Es ist auch der Versuch, das eben als eine “normale” Arbeit darzustellen. Die Frauen sagen: Ich mache das, weil ich das machen will, weil ich Geld verdienen will. Das ist ein gewaltiger Wirtschaftszweig. Aber die Zeiten werden ja auch schlechter, die Frauen beklagen sich, dass das Internet alles abgrabe. Jetzt gibt’s schon auf Facebook den Bumsbutton, mit dem man sich verabreden kann, und noch ganz andere Plattformen. Die klassische Prostitution wird schwierig. Im Netz kann man sich schnell verabreden oder pausenlos Pornos konsumieren, während man sich früher nur damit anheizte und dann zu Prostituierten ging. Dieser Wandel der Sexindustrie spielt auch eine Rolle.

Sie haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Lernt man da Schreiben?

Eigentlich nicht. Ich glaube sogar, dass man in jener Zeit manche Kapitel von mir hier durch den Fleischwolf gedreht hätte. Ich weiß es nicht. Aber es war eine gute Zeit. Ich habe gelernt, wie intensiv man an einem Text arbeiten muss. Ich habe tolle Kollegen kennengelernt, Sten Nadolny, Ulrich Plenzdorf, Josef Haslinger. Ich bin wahrscheinlich im nächsten Jahr selbst dort Dozent.

Wenn ich mir die deutsche Gegenwartsliteratur anschaue, dann sehe ich niemanden, der sich so wie Sie in das Leben stürzt, an ihm auch leidet, und mit einem starken Werk dann wieder daraus auftaucht. Was bedeutet Leben für Sie?

In erster Linie ist es Material. Eigentlich ist es auch gemein, das so zu sagen. Denn ich habe ja auch ein ganz normales Privatleben. Aber das Leben in all seinen Facetten hat mich immer interessiert. Wenn ich Zeitung lese, dann stolpere ich immer über diese schlimmen Dinge. Ich schüttle dann den Kopf und sage, mein Gott, das ist ja alles nicht zu fassen. Wieso ist denn der Mensch so, wie er ist?

Leiden Sie eigentlich als Autor auch mit, wenn sie schwer erträgliche Kapitel schreiben, etwa jenes über die Suche eines Vaters nach seiner jungen Tochter, die längst im Milieu verschwunden ist?

Gerade an diesem Kapitel habe ich lange dran geschrieben, über einen Monat. Da saß ich in Split an der Adria, und draußen schien die Sonne. Und ich habe nachts gejammert: O Gott, o Gott, das ist ja alles furchtbar. Das ist das Paradox mit der Zeit. Plötzlich ist es dann vorbei, und es steht da. In dem Augenblick, wo man es schreibt, scheint die Zeit nicht zu vergehen, wie es mit allen intensiven, tragischen oder dramatischen Dingen ist. Es nimmt kein Ende. Und dann plötzlich, irgendwann ist es vorbei, und jetzt sitze ich hier – seltsam.

Wer einen Autor von außen betrachtet, sagt sich leicht, es sei eine einsame Arbeit. Aber ich selbst habe als Autor nie das Gefühl, einsam zu sein, denn ich lebe ja mit all meinen Figuren. Ich lebe in der Geschichte, die ich schreibe. Trotzdem kann dies für das private Umfeld schwer zu ertragen sein.

Ja, da gehe ich mit Ihnen. Einsam ist das Material. Man spricht ja mit den Figuren. Man umgibt sich mit den Recherchen, mit den Figuren, mit den Stimmen. Aber im Privaten? Deswegen habe ich meinen Arbeitsraum in Leipzig, wohin ich mich zurückziehe. Das ist auch nicht immer einfach für die zwischenmenschlichen Beziehungen, die man pflegt, oder den Partner, die Frau. Aber da muss man dann durch. Das ist eben einfach so. Die Kunst steht doch an erster Stelle, das lässt sich nicht ändern. Da will ich mich auch nicht beklagen. Wenn ein Buch fertig ist, dann hab ich auch immer viel Zeit für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich hoffe, die liest das jetzt nicht.

Gibt es bei Ihnen dieses Gefühl, das ich scherzhaft die postnatale Depression nenne? Das Werk ist draußen, und der Autor ist leer.

Ja. Das war irgendwann im April, Mai. Da merkte ich plötzlich, dass ich vollkommen kraftlos und auch physisch ausgebrannt war. In den letzten Monaten des Schreibens waren auch alle erschrocken, wenn sie mich gesehen haben, die Leute vom Fischer Verlag, die Lektoren. “Du bist ja ganz dünn geworden. Na ja, ist doch klar, wenn man nur von Whisky, von Schnaps und Zigaretten lebt, dann ist das schwierig.

Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article119569350/Prostitution-ist-in-der-Mitte-der-Gesellschaft.html

Krach im Bordell: Preisnachlass beruhigt die Gemüter

Eine kleine, aber feine Meldung!


Diez – Elf Champagner hatte der Freier in einem Bordell in Diez seiner Flamme spendiert und selbst zehn Bier getrunken, dann gab es Streit über die Rechnung.

In einem Klub des Rotlichtmilieus hat sich ein Kunde am späten Donnerstagabend über den Tisch gezogen gefühlt. Nachdem er sich erst so spendabel gezeigt hatte, wurde er kleinlich, als ihm die Rechnung präsentiert wurde und er mehrere Hundert Euro zahlen sollte. Daraufhin verständigte er die Polizei. Nachdem der Mann nach Polizeiangaben das Herz des Klubbetreibers in einem längeren Gespräch erweichen konnte, gewährte dieser schließlich einen Preisnachlass in Höhe von 20 Euro, und alle Parteien waren zufrieden. Die Beamten brauchten nicht einzugreifen.

Quelle: www.rhein-zeitung.de

Bezahlter Sex: …ist für Männer meist weder Untreue noch Seitensprung!

Liebe Leser und Freierkollegen,

hier mal ein ganz besonderes Fundstück aus der Feministinnen-Ecke. Unbedingt lesen! Amüsiert euch, regt euch auf, lacht euch nen Ast ab, was auch immer. Es lohnt sich jedenfalls dieses seltene Kleinod an Textkunst mit unseren kleinen, gemeinen Freieraugen geradezu zu verschlingen und der Autorin zu huldigen…


“Das Internet wimmelt von Seiten für Männer, auf denen sich Frauen für bezahlten Sex anbieten.

Die schnelle Nummer im Bordell, Escort-Service, Luxus-Callgirls oder auch der Besuch einer sogenannten „Modell-Wohnung“ – nichts ist unmöglich auf dem Terrain der käuflichen Liebe!

Für den Großteil der Männer, die solche Angebote nutzen, ist diese Art Erotik kein Fremdgehen. Manche meinen sogar, dass sei eine Art „erweiterte Selbstbefriedigung“, was irgendwie schon grotesk wirkt. Die jeweiligen Partnerinnen sehen die Nutzung einer derartigen Dienstleistung ihrer Männer freilich anders.

Erst dieser Tage tauchte in einem großen Web-Forum für Frauen wieder ein Posting auf, wo eine Frau davon schrieb, entdeckt zu haben, dass ihr Mann sich mit einer Prostituierten getroffen  hat. Herausbekommen hat sie es, indem sie seinen Mailaccount geentert hat.

Diese Art Threads, allesamt von Frauen in Internetforen online gestellt, werden  wöchentlich so oder ähnlich wie oben beschrieben ins Internet gestellt. Was irgendwie auch logisch ist:

denn dort wo, wie hier in Deutschland, tagtäglich um die eine Million Männer bezahlten Sex in Anspruch nehmen, muss es natürlich auch Frauen geben, die Partnerinnen dieser Männer sind.

Und das sprichwörtliche Treiben, wenn sie es denn herausbekommen, überhaupt nicht gut finden.

Dass solche Threads im Internet oft über tausend Antworten haben, verwundert also nicht und zeigt einmal mehr, wie hochemotional dieses Thema ist!

Betroffene Frauen, die in irgendeiner Weise mit der Tatsache konfrontiert werden, dass ihr Mann ein Callgirl gebucht hat oder im Bordell war, sind meist nicht nur hochgradig geschockt und verletzt (allein schon von der Vorstellung, dass der Partner sich in einem rotlichtartigem Umfeld intimen Berührungen hingegeben hat), sondern auch angewidert.

Und fassungslos darüber, wie der doch sonst „so normal“ wirkende Partner „darauf“ abfahren kann. Allerdings – das wissen wir Frauen alle: Männer mögen nun mal sowohl „Hure“ als auch „Heilige“. Nur würden das die wenigsten zugeben.

Was sie beim bezahlten Sex finden, ist klar….die Heilige bestimmt nicht.

Und weil sie derlei erotische Spielereien eben mit Geld abgelten, ist das, wie eingangs erwähnt, für die meisten eben kein Fremdgehen. Umso schockierter sind dann die Männer, über ihre Partnerinnen, die das heimliche Treiben – wie auch immer – herausfinden und sich trennen.

Sie verstehen die Welt nicht mehr, haben sie doch – nach ihrer Definition – „nur“ eine ganz normale Dienstleistung in Anspruch genommen.

So wie man(-n) sich vielleicht mal einen schicken Sportwagen für ein paar Stunden mietet…

Der völlig abgedroschene Spruch „es hat wirklich nichts mit Dir zu tun“, fällt, man glaubt es kaum, in einer solchen Situation so gut wie immer. Und bewirkt bei der betroffenen Frau: nichts!

Wenn man vorher mit der Tatsache, dass der Partner sich der käuflichen Liebe hingegeben hat noch nicht konfrontiert wurde, kennt man das ja meist nur aus Filmen, wo ertappte Männer sich mit diesen platten Worten um Kopf und Kragen reden (wollen).

Aber es ist und bleibt nun mal eine Tatsache: für Männer ist der bezahlte Sex kein klassisches Fremdgehen oder gar ein Betrug an der Partnerin!

Auch wenn es dazu noch so viel Postings im Internet gibt, Frauen (zu Recht) entsetzt und verletzt sind, wenn so was geschieht: es passiert. Jeden Tag. Und immer wieder.

Und die männliche Ansicht hierzu gehört definitiv in die Abteilung „was Frauen an Männern nie verstehen werden“.

Ich denke, als Frau kann man verletzt sein ohne Ende, mit dem betroffenen Mann Gespräche führen bis zum abwinken oder ihn gar (wie es in dem angesprochenen Posting der betroffenen Frau empfohlen wird) zur Paartherapie schleifen – er wird seine Denkweise nicht ändern! Nicht in diesem Leben…

Sicher – wenn der Haussegen arg schief hängt wegen seines Vertrauensbruchs – wird sich so mancher Mann zunächst reumütig geben und der Frau erst mal eine Zeitlang besonders viel Aufmerksamkeit schenken.

Ändern aber wird er seine Sichtweise zum bezahlten Sex eher nicht.

Viele wiederholen eine solche Aktion sogar. Zugeben wird der jeweilige Mann das allerdings nie und nimmer. Genau so wenig wie er sich zukünftig – von wem und was auch immer – davon abhalten lassen wird, die Nummer mit der bezahlten Erotik zu wiederholen.

Weil`s ja für ihn ja weder Fremdgehen noch Untreue noch ein Seitensprung ist.

Zudem ist es ja außerdem hinlänglich bekannt, dass ein Großteil der Männer, die Prostituierte aufsuchen oder sich von Edel-Escorts begleiten lassen, ein solches Erlebnis wiederholt.

Nicht umsonst hat ein Großteil der käuflichen Damen Stammkunden – und das nicht wenige! Das können ja nun nicht alles nur Phantome sein…!

Was also, wenn ausgerechnet der eigene Partner jemand ist, den es (regelmäßig) zu Prostituierten zieht oder von dem man weiß, dass er eine solche Leistung in Anspruch genommen hat? Und die man – als seine Partnerin – definitiv als  „Untreue“ oder „Fremdgehen“ ansieht? Vom Vertrauensbruch, der einem arg zusetzt, mal ganz abgesehen…

Das kommt wie immer im Leben auf die Umstände an. So wie eine Frau in sich hinein hören wird, wenn sie mit einem notorischen Fremdgänger (der nicht mit Prostituierten, aber mit anderen Frauen fremdgeht) zusammen ist und diesen Zustand nicht mehr erträgt, wird sich auch die Partnerin eines Bordellgängers bzw. Kunden von Prostituierten tief im Inneren fragen, ob dieser Mann als Partner noch in Frage kommt.

Manche, auch das gibt’s natürlich und hat oft auch mit materiellen Abhängigkeiten vom Mann zu tun, schalten um in den Modus „ignorieren“ und gehen zur Tagesordnung über.

Andere wiederum kommen damit überhaupt nicht klar und packen ihre Koffer sogleich, nachdem das aushäusige Abenteuer aufgeflogen ist. Das dürfte wohl die Mehrheit der Frauen sein…

Denn für diese ist ein Besuch des Partners bei einer Prostituierten nun mal ganz klar eines:

ein übelster Vertrauensbruch!

Aufgrund dessen viele Partnerinnen solcher Männer lieber erst mal ein Leben allein als Single(-mama) vorziehen. Wo ihnen zumindest so was nicht widerfahren kann. Und die emotionale Verletzung auch die nötige Zeit hat, zu heilen.

Bis FRAU eines Tages dann wieder soweit ist, sich für einen neuen potentiellen Partner zu öffnen. Der dann hoffentlich kein Fremd- oder Bordellgänger ist…! Genügend Männer dieser Art gibt es ja – das sollte man nicht vergessen – noch immer in großer Anzahl!!! Und mit denen lebt es sich nunmal besser.

Herzlichst,

Linda-Tabea Vehlen”

Quelle: http://www.männliche-untreue.de/2013/03/20/bezahlter-sex-ist-fuer-maenner-meist-weder-untreue-noch-seitensprung/

Liebe Frau Vehlen,

Sie kämpfen ja geradezu vorbildlich für diese vielen, aufs übelste hintergangenen, armen, schutzlosen weiblichen Geschöpfe. Sie sind eine moderne Robina Hood für die Frauen. Eine wahre Befreierin der Unterdrückten! Ich bewundere sie dafür voller Inbrunst und  gleichzeitig schäme ich mich für all meine abgrundtief bösen, versauten Geschlechtsgenossen. Aber alle Männer sind eben Schweine. Da kann man leider gar nichts machen…Ihre Argumentation klingt überaus schlüssig: Wir Männer gehen nun mal gerne zu Huren, da alle anderen Frauen Heilige sind. Genauso wird es sein und nicht anders. Bei den Ehefrauen und Freundinnen daheim kann man geradezu den Heiligenschein sehen, wenn man richtig hinschaut. :) Frauen gehen ja auch per se nie fremd, sind einfach nur allesamt engelsgleiche Geschöpfe und die heiligen Ehefrauen zuhause haben bestimmt absolut keinen Anteil daran, dass es ihre Männer zum Paysex in die Arme der Huren verschlägt. Wir Männer wollen einfach nur rammeln wie die Karnickel. Bums, fertig, aus.

Aber ich schweife vom Thema ab…wieviel kostet nochmal eine Stunde bei Ihnen?

Ihr ergebenes Freierschwein XY

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Gollums Gespräch mit Gershman

Was das ZDF in Form der so genannten Sommer-Interviews kann, das können wir beim Freierjournal schon lange. Aber statt Interviews mit Politkern zu führen, setzen wir uns in unregelmäßigen Abständen mit der einen oder anderen Forengröße des Freiercafe zusammen und sprechen über dies und das – natürlich im Schwerpunkt über die schönste Nebensache der Welt. Den Anfang macht ein Gespräch von mir, Gollum, mit einem Forenkollegen der ersten Stunde und berüchtigten Vielschreiber und Noch-Mehr-Ficker namens Gershman:

Dreier zum Geburtstag

Hallo Gershman, ist mir eine Ehre, mit der Berichtemaschine und Forenlegende zu sprechen. Wie war denn so dein letzter Fick im Puff?

Beim letzten Fick gönnte ich mir mal wieder einen Dreier. War zwar kein Topnivau, aber die zwei jungen hübschen Körper hatten es mir angetan. Und ich wollte mir mal wieder zum Geburtstag etwas gönnen. Und der Dreier war halt Teil 1 des Gönnens.

Und deine erste Nummer als Freier?

Ich glaube die Freierentjungferung hatte ich im Flasshof. Jung, unverdorben und keine Ahnung war es natürlich nur eine schnelle Entsaftung. Wenn ich mich richtig erinnere kostete mich der Spass 50 DM für vereinbartes FM und GVM. Zum GVM ist es allerdings nicht mehr gekommen, da mein Bärentöter zu schnell geschossen hat.

Du bist ziemlich viel unterwegs und das, denke ich, nicht erst seit gestern. Stumpft das nicht ab? Du musst ja schon tausende Frauen in den Saunaclubs gesehen und Hunderte davon gefickt haben?

GershmanNein, mich stumpft das nicht ab. Bin immer wieder gierig nach neuen Ficks. Ich habe auch im real life immer alle Mädels gepoppt, die nicht schnell genug weg waren. Allerdings gab es auch hier Schmerzgrenzen bei der Optik, die ich nicht bereit war zu überschreiten. Ich weiss zwar nicht wieso, aber über Auswahl konnte ich mich ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben nicht beschweren. Das war aber nicht von Anfang an so und zu Teenyzeiten war ich noch nicht so häufig dran.

Nur wichsen ist doch auch blöd

Neben Saunaclubs bist du auch auf Parkplatztreffs und in Laufhäusern unterwegs. Laufhaussex ist ja meist eher die schnelle Nummer, keine ZK, kein FO… Warum tust du dir das an?

Weil ich dann zu wenig Zeit habe und trotzdem Druck abbauen will. Nur wichsen ist doch auch blöd. Ausserdem gibt es auch ab und an im Laufhaus Perlen, welche FO anbieten. Im Laufhaus würde ich allerdings niemals nach ZK fragen. Keine Ahnung warum, habe ich mir noch nie Gedanken zu gemacht.

Private Etablissements magst du nicht oder schreibst du nur nicht darüber?

Doch. Eine Zeitlang war ich dort sogar häufiger als in Saunaclubs, da es beruflich zeitlich nicht anders passte. Und Berichte gibt es auch einige von mir darüber. Wer suchet der findet.

Die Grenzen des Gershman

Im Moment wird viel über Pauschalclubs diskutiert. Was meinst du, Ausbeuterei oder legitimes Angebot?

Alles was im Rahmen des Gesetzes ist, scheint zunächst einmal legitim. Aus moralischer Sicht ist es aber sicherlich Ausbeutung für die meisten der Mädels. Aber einige wenige werden auch da gutes Geld verdienen können. Ich habe mir pauschal angeschaut und getestet und für mich entschieden, dass es nicht überall passt für mich. Es gibt Clubs, wo das Ambiente trotz der Flatrate passt und ich mir vorstellen kann, noch einmal hinzugehen. Allerdings solche 79 Euro Clubs werden auf mein Geld verzichten müssen.
…weiterlesen…

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Tanjas tröstende Hingabe

Einen Bericht der etwas anderen Art aus dem Paysex hat uns Tanja aus Regensburg, ihres Zeichens Freie Sexworkerin, zu erzählen. Anstelle der Lenden regt sie damit ausnahmsweise einmal unser Sexualorgan zwischen den Ohren an. Ich gebe die Schilderung ihres Erlebnisses, das ich auf Ihrer Homepage gefunden habe, gerne (und natürlich mit ihr abgesprochen) hier wieder, weil dieses Erlebnis und Tanjas mitfühlende und warme Erzählung auch mich bewegt hat.

Tanja berichtet:

Bei einem meiner letzten Aufenthalte in einem schönen Hotel, gab es eine Situation, die mich sehr berührt hat.
Auch heute denke ich noch öfters daran, und jedesmal steigen mir die Tränen in die Augen….

Einsamkeit und Sehnsucht nach Berührung…

Mein Telefon klingelte und eine männliche Stimme fagte, ob ich heute noch einen Termin frei hätte…

Ja gerne, so gegen 20h..

Um kurz vor 20h klingelte mein Telefon wieder, er rief wie vereinbart an und bekam meine Zimmernmmer.

Als ich die Türe öffnete, stand da ein netter älterer Herr vor mir. Ich bat ihn herein und mein erster Eindruck…. ola, der hat sich aber wirklich in Schale geworfen für mich.

Nach ein paar kurzen Worten legte er mir einen Umschlag (mit Inhalt) auf den Tisch und ging nochmal kurz ins Bad. Da ich ja gerade frisch geduscht hatte, zog ich mich nur aus und legte mich auf den Bauch aufs Bett. Er kam dazu und streichelte mich… wie ein Mensch, der am Verdusten war und Wasser bekommt, saugte er meine Haut mit den Händen auf..

Ein irgendwie komisches Gefühl….. und er begann zu erzählen…

Weißt du Tanja, ich war 40 Jahre verheiratet, habe meine Frau sehr geliebt. Wir hatten eine wundervolle Ehe, und als sie vor 5 Jahren krank wurde, hab ich sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Die letzten zwei Jahre hat sie mich kaum noch wahrgenommen, aber ich konnte ihre Nähe spüren, wenn ich mich abends im Bett an sie gekuschelt habe und sie gestreichelt habe.
Sie fehlt mir so…..

Mir fehlt es warme Haut zu spüren, gestreichelt zu werden, zu wissen, dass da jemand ist, der mich berührt…

Zu dem Zeitpunkt hab ich schon mit den Tränen gekämpft, und musste mich zusammenreißen. Er meinte .. du hast so eine weiche, warme Haut und er wäre so glücklich, dass er mich heute besuchen dürfte. Bei mir kam da nichts mehr von Erotik auf, trotzdem versuchte ich ihn zu stimmulieren… Er fand es schön, “berührt” zu werden, und begann seinerseits meinen Körper mit der Zunge zu erkunden.

Ab und an ein eiliger Blick auf seine Uhr, denn er wollte mich nicht zu lange “in Anspruch” nehmen… Da konnte ich ihn aber beruhigen… das passt schon, wir werden sehen, wenn es soweit ist. Ich hab ihn noch lange gestreichelt und mich an ihn gekuschelt, damit er seine Akkus wieder aufladen konnte…..

Als er ging hatte er ein glücklickes Lächeln im Gesicht…

Mich ließ er aber sehr nachdenklich und taurig zurück…

Ist unsere Gesellschaft wirklich so kalt, dass wir andere nicht mal in den Arm nehmen .. einfach so.

Er wird mich wieder besuchen, wenn ich da bin, bekomme regelmäßig Emails von ihm.
Er erzählt mir seine Geschichte, es tut ihm gut und ich versuche ihm zumindest per Email etwas Nähe zu geben. Aber es ist trotzdem so , dass ich in diesem Fall unendlich traurig bin, ihm nicht helfen zu können…. Vielleicht überwindet er irgendwann den Tod seiner Frau und findet jemanden, mit dem er seine Akkus aufladen kann, ohne dafür “bezahlen” zu müssen….

Ob das Alter des Gastes so relevant ist? Es gibt bestimmt auch viele, genauso einsame jüngere Männer und nicht jeder von denen hat den Mut oder bringt die Überwindung auf, zu einer SW zu gehen und selbst wenn, findet nicht jeder dort Trost. Und was ist eigentlich mit Frauen, die sich genauso fühlen, wie dieser unbekannte Gast? Wer tröstet die? Man hüte sich vor dem Selbstbetrug, so gesettelt zu sein, dass man nie in die Situation des einsamen Gastes kommen werde.

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