Nebel im Sperrbezirk

Ein berechtigter und wichtiger Einspruch der Zeit in Bezug auf die Zahlen und Statistiken, auf die sich in der gegenwärtigen Diskussion immerzu berufen wird. Es gibt keine verlässlichen Studien oder Zählungen im Bereich Prostitution. Somit argumentieren alle Beteiligten mit mehr oder minder fiktiven Zahlen!

Die Prostitutionsdebatte leidet unter einem großen Manko: Es fehlen verlässliche Untersuchungen. von Caroline von Bar

Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt: Es ist nichts Ungewöhnliches daran, dass bei gesellschaftlichen Großkontroversen jede Seite diejenigen Zahlen anbringt, die zu ihren Argumenten passt. An der Prostitutionsdebatte der vergangenen Wochen allerdings fällt auf, wie wenige Fakten überhaupt genannt werden – und wie beständig die immer gleichen Zahlen kursieren, ohne dass klar ist, woher sie kommen.

Angeblich gibt es in Deutschland, so liest und hört man immer wieder, 400.000 Prostituierte. Die Anstifterin der Debatte, Alice Schwarzer, sprach zu Beginn von 700.000 Huren, hat sich aber nach unten korrigiert. Sie bleibt jedoch bei der Feststellung, dass die allerwenigsten Prostituierten ihre Arbeit freiwillig machten – bis zu 90 Prozent seien als Kind missbraucht worden.

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Die letztgenannte Prozentzahl stammt immerhin aus der Farley-Studie, die Schwarzer in der ZEIT (Nr. 49/13) erwähnte und die 2009 in neun Ländern durchgeführt wurde. Damals wurden in Kanada, Kolumbien, Deutschland, Mexiko, Südafrika, Sambia, Thailand, in der Türkei und in den USA Prostituierte befragt. In Deutschland waren es, wie in der Studie nachzulesen ist, ganze 54 Prostituierte in Hamburg, darunter zumindest ein Teil aus einer Unterkunft für Drogenabhängige. Von diesen in Hamburg vor mehreren Jahren interviewten 54 Prostituierten gaben genau 26 an, als Kind missbraucht worden zu sein, also 48 Prozent. Das ist grauenhaft genug – aber wie repräsentativ ist es?

Gegenüber anderen in der Rotlichtdebatte kursierenden “Fakten” ist noch größere Vorsicht geboten, und die Herkunftsanalyse gestaltet sich viel komplizierter. Das gilt insbesondere für die Zahl der Prostituierten. Wie errechnen sich die oft zitierten 400 000? Neu ist diese angeblich “seriöse Schätzung” nicht, sie wurde bereits 2001 in der offiziellen Begründung für das damals beschlossene Prostitutionsgesetz genannt. Wie ein hartnäckiger Reporter der Welt am Sonntag herausfand, nutzt auch das Statistische Bundesamt intern die Größenordnung 400 000 als “Zuschätzung”, um zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland zu berechnen. Denn zum BIP gehören laut europäischer Definition auch jene volkswirtschaftlichen Leistungen, die (legal oder illegal) im Rotlichtmilieu erbracht werden. Die Wiesbadener Statistiker betonen aber in einer schriftlichen Erklärung, dass ihren Zahlen zur Prostitution keine statistischen Erhebungen zugrunde lägen und man sie deshalb eigentlich nicht veröffentliche – die “üblichen Qualitätsmaßstäbe” gälten hier explizit nicht.

Alle nutzen diese Zahl, gefühlt schon immer – aber wer hat sie erfunden? Die Soziologinnen Barbara Kavemann und Elfriede Steffan erforschen seit Jahren die Situation der Prostituierten in Deutschland. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Aufsatz schreiben sie, die Zahl der Prostituierten in Deutschland werde “weit überschätzt”. Die Zahl von etwa 400 000 Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen mit einer Million Kundenkontakten pro Tag sei bereits Ende der 1980er Jahre in der Aktivistinnen-Szene entstanden und entbehre jeder “wissenschaftlichen Grundlage”. Seriöse Hochrechnungen seien damals auf 64 000 bis 200 000 Prostituierte gekommen. Neuere Schätzungen dieser Art lägen nicht vor. “Insgesamt ist festzustellen”, schreiben Kavemann und Steffan, “dass zum Thema Prostitution in Deutschland zu wenig Erkenntnisse vorliegen.”

Die Öffentlichkeit diskutiert also mit aller Leidenschaft über ein Gewerbe, von dem wir noch nicht einmal wissen, wie viele Frauen und Männer es betrifft. Alice Schwarzer schreibt, in 90 bis 95 Prozent der Fälle würden die Freier “auf billige, verfügbare Frauen” treffen, die “oft kein Wort Deutsch können”, und beruft sich dabei auf Polizeischätzungen. Das europäische Netzwerk Tampep kam durch Befragungen insbesondere von Sozialarbeitern 2008 auf einen Migrantenanteil von 65 Prozent unter den Prostituierten in Deutschland. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Vielleicht auch nicht. Der Migrantenanteil wird regional und in den verschiedenen Bereichen der Prostitution unterschiedlich hoch eingeschätzt. Es gibt eine Art Grundkonsens, wonach wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Prostituierten ausländischer Herkunft ist. Aber genau weiß es niemand.

Die Frage, wie viel Prozent der Prostituierten zu ihrer Arbeit gezwungen werden, lässt sich vor diesem Hintergrund kaum beantworten – zumal es keinen Konsens darüber gibt, wo Zwang in der Prostitution anfängt und wo er aufhört. Es gibt lediglich Zahlen des Bundeskriminalamts, wonach im Jahr 2011 640 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ermittelt wurden.

Das Familienministerium nimmt das Zahlenwirrwarr offenbar hin. Auf der Homepage ist nachzulesen: “Zur Anzahl der Prostituierten in Deutschland gibt es keine fundierten statistischen Daten.” Nur, warum eigentlich nicht? Eine “zuverlässige Einschätzung”, heißt es auf der Ministeriumswebseite, werde auch dadurch erschwert, dass viele Frauen “dieser Tätigkeit nur nebenbei, gelegentlich oder für einen kurzen Lebensabschnitt nachgehen”. Die Soziologie-Professorin Kavemann von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin fügt auch die Mobilität der Prostituierten an: Nur wenige hätten einen festen Standort. Wer zählen will, läuft also Gefahr, doppelt zu zählen. Kavemann weist außerdem darauf hin, dass sich die Prostituierten nicht amtlich registrieren müssten – was angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung auch nicht wünschenswert sei.

Ist es also schlicht unmöglich, herauszufinden, wie viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter es gibt? “Nichts ist unmöglich!”, antwortet Barbara Kavemann. Vielmehr sei die Prostitution “kein Thema, das die Politik gern aufgreift”. Im Klartext: Für Studien über Prostitution will niemand Geld ausgeben. Elfriede Steffan vom Forschungsinstitut SPI betont, es gebe nur “sehr eingeschränkt” Daten zur Prostitution, in jeglicher Hinsicht. Ihr sei beispielsweise keine einzige repräsentative Befragung über die Einstellung der Bevölkerung zur Prostitution in Deutschland bekannt.

Nach all den Debatten scheint das Rotlichtmilieu also noch immer eine Art Sperrbezirk zu sein. Zumindest für die Wissenschaft.

Quelle: http://www.zeit.de/2013/50/prostitution-debatte-fakten-zahlen

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Schweden: Prostitution verboten, die Freier bleiben

Interessante Einsichten, Erkenntnisse und Fakten zur Prostitution in Schweden seit dem dortigen Prostitutionsverbot: “Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft”

Wer in Schweden zu einer Prostituierten geht, wird bestraft. Die Regierung ist überzeugt von dem Verbot für Freier, doch es gibt viele Schlupflöcher.

von Lisa Caspari

Das liberale Deutschland und das restriktive Schweden – beim Umgang mit Sexarbeitern konnte es lange fast keinen größeren Unterschied geben. Prostitution ist in Deutschland ein offiziell anerkanntes Gewerbe, Sex kann ganz legal gekauft werden. In Schweden hingegen werden Freier bestraft, wenn sie für sexuelle Handlungen bezahlen. Ganz gleich ob sie dies mit Geld tun oder mit teuren Geschenken, Alkohol oder Drogen. Selbst der Versuch  ist strafbar. Bis zu einem Jahr Haft droht einem Freier laut Gesetz, die Prostituierten bleiben unbehelligt.

In Deutschland plant die Große Koalition eine Verschärfung des Prostitutionsrechts – allerdings nur für bestimmte Fälle. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer zieht das restriktive schwedische Verbotsmodell daher gerne als Positivbeispiel für den Umgang mit Prostitution heran. Doch hat es wirklich so viel gebracht?

Das moralische Selbstverständnis hinter dem schwedischen Gesetz besagt, dass es einen selbstbestimmten Sexarbeiter nicht geben kann. Es bestehe immer ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Käufer und Dienstleister. Eine soziale Gesellschaft könne es aber nicht akzeptieren, dass Menschen ihren Körper “verkaufen”, um Geld zu verdienen. Seit 1999 ist Prostitution in Schweden verboten. Eine Studie ergab 2010, dass sich seitdem die Straßenprostitution im Land halbiert habe.  Es gebe “keine Anzeichen” dafür, dass käuflicher Sex ins Internet oder in private Wohnungen abgewandert sei. Und im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern sei die Prostitution “immerhin nicht gestiegen”. Die Autoren der Studie verweisen aber auch darauf, dass es schwierig ist, das changierende Gewerbe genau zu erfassen und zu analysieren.

Ins Internet abgewandert

Seit Inkrafttreten des Verbots 1999 bis Ende 2012 registrierte Schwedens Polizei 4.782 Fälle von gekauftem Sex, wie eine Studie der Nationalen Behörde für Kriminalprevention (Bra) ergab. 2012 wurden 551 Vorfälle bekannt. Davon führten 343 zu einer Verurteilung des Freiers – für die Regierung eine hohe Zahl, da der Nachweis, dass für Sex tatsächlich bezahlt wurde, schwierig zu führen ist. Allerdings bekommen Freier nach Polizeiangaben zumeist Geld- oder Bewährungsstrafen oder sie müssen gemeinnützige Arbeit leisten. Strafen beginnen bei umgerechnet rund 250 Euro, können aber auch deutlich teurer ausfallen. Kein Freier wanderte bisher ins Gefängnis, nur weil er für Sex bezahlt hatte.

Ohnehin dürfte die Dunkelziffer hoch sein. Wie viele “Bestellungen” sexueller Dienstleistungen im Internet im Schutze der Anonymität getätigt werden, weiß in Schweden niemand so genau. Auch der Nachweis, dass es sich bei Verabredungen zum Sex tatsächlich um Prostitution handelt, ist natürlich schwer zu führen. In diesem Herbst sorgten Recherchen eines Fernsehsenders für Furore: Trotz Verbots werde in Stockholm nach wie vor und pro Jahr 250.000 Mal Sex gekauft, rechnete man dort vor. “Dass es verboten ist, heißt nicht, dass es nicht passiert”, sagt Olga Persson, Generalsekretärin der Schwedischen Frauenorganisation SKR. “Selbst wenn die Freier erwischt werden: Sie zahlen ihre Strafe und machen weiter.”

Dennoch sehen Sozialarbeiter keine Alternative zu dem Verbot. Sie begrüßen, dass das Gesetz ganz offenbar einen moralischen Effekt hat, sich also die Einstellung der Bürger zur Prostitution verändert zu haben scheint: Umfragen zeigen, dass die Schweden den Kauf sexueller Dienstleistungen deutlich kritischer sehen als noch vor 1999. Darauf verweist Persson ebenso wie Catrin Sandman von der Göteborger Anlaufstelle für Sexarbeiter, Mikamottagningen.

Die Polizei hat nicht genügend Ressourcen

Doch die negativen Folgen der Prostitution existieren in Schweden nach wie vor. Sandman berichtet, dass die Straßenprostitution in Göteborg seit dem offiziellen Verbot des Kaufs sexueller Dienstleistungen hauptsächlich aus dem Ausland organisiert wird. Viele Frauen, vor allem aus Rumänien und Litauen, arbeiteten in der Region Stockholm als Prostituierte. Sexarbeiter selbst werden nicht bestraft, wenn ihr Gewerbe auffliegt.

Am größten jedoch ist der Markt in den anonymen Weiten des Internets. Allein die Göteborger Prostituiertenorganisation zählt 500 bis 600 Frauen, mit denen sie 2012 in Kontakt war und die sexuelle Dienstleistungen online anboten. Vor allem junge Frauen mit Drogenproblemen verkauften dort ihren Körper für Geld. Das eher ernüchternde Fazit: “Es gibt so viele Freier und die Polizei hat nicht die Ressourcen, mehr als ungefähr ein Prozent von ihnen zu verfolgen”, sagt Persson. “Das Verbrechen, Sex zu kaufen, wird leider auch von unserem Justizsystem nicht als Priorität angesehen, weil die Strafen so gering sind.”

Bleiben nur die Perversen zurück?

Mit dem Gesetz sollte es den Prostitutierten eigentlich einfacher gemacht werden, Hilfe von der Polizei und dem Sozialsystem zu bekommen. Doch Sandman bemängelt, dass das Prostitutionsverbotsgesetz nicht konkret von einem Anspruch der Sexarbeiter auf Hilfe spreche. Die schwedische Journalistin und Frauenrechtlerin Petra Ostergren verweist in ihrem Blog außerdem darauf, dass die sozial am schlechtesten gestellten Sexarbeiter – oft solche mit Drogenproblemen – durch das Verbot sogar benachteiligt werden. Ostergrens These: Während bereits zuvor besser gestellte Prostituierte weiterhin im Internet dezent ihrem Job nachgehen können, leiden unter dem Verbot vor allem die Frauen und Männer, die wegen Drogensucht oder anderer Probleme am meisten Hilfe benötigen. Sie prostituieren sich noch immer auf dem Straßenstrich.

Seitdem Freier Bestrafung fürchten müssen, so Ostergren, seien die “Netten” vom Straßenstrich verschwunden, zurück blieben die “Perversen” mit oft gesellschaftlich nicht akzeptierten Wünschen und Gewaltphantasien sowie der Forderung nach sexuellen Handlungen ohne Kondom. Diese wüssten sowieso schon, wie sie es anstellten, nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Aus Geldnot könnten schwedische Straßenprostituierte diese Freier nun nicht mehr ablehnen. Sie müssten zudem mehr Kunden bedienen als zuvor, um über die Runden zu kommen.

Das bestätigt im Grundsatz auch die Göteborger Hilfsorganisation Makamottagningen. Straßenprostitutierte seien dort häufig abhängig von ihren Zuhältern, die oft aus dem Ausland kämen und die Kunden für sie aussuchten. Von Wahlfreiheit kann hier keine Rede mehr sein.

Andere Sozialarbeiter sehen das nicht so dramatisch, es gebe weiterhin “nette Freier”, denn es sei nicht schwer, Sex im Internet zu kaufen. “Prostituierte können sich nun sicherer fühlen, weil das Gesetz auf ihrer Seite ist”, sagt Frauenrechtlerin Persson. Sie könnten den Freier verklagen, wenn er sich nicht respektvoll verhalte. Denn eines, so sind sich die Frauenorganisationen sicher, habe das Gesetz gebracht: Während der Freier am Pranger stehe, werde die Position der Sexarbeiter gestärkt; auch während ihrer Arbeit hätten sie eine gewisse Macht gegenüber dem Freier. Das gilt im übrigen auch für die männlichen Prostituierten – deren Probleme und Sorgen, so sagen Sozialarbeiter, fehlten in der ganz auf die Belange der Frauen ausgerichteten öffentlichen Debatte leider nach wie vor.

Quelle:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-12/schweden-prostitution-verbot-freier-strafe/seite-2