Löwenmütter in fremdem Geviert
Sie stehen Nacht für Nacht am Sihlquai, bieten am Strassenstrich ihre Dienste an und sind Objekt geharnischter Kritik. Kaum erwähnt wird jedoch, dass die jungen ungarischen Prostituierten mit ihrem Einkommen oft ganze Familien ernähren.
Sie stellen sich uns als Paulina, Renata, Moni und Edina vor, doch das sind ihre Künstlerinnennamen, die sie am Sihlquai benutzen, den Kunden gegenüber. Wie sie in Wirklichkeit heissen und warum sie in Zürich als Prostituierte arbeiten, auf der Strasse, weit weg von Familie und Freunden, Nacht für Nacht Gefahren in Kauf nehmen, stundenlang auf dem Trottoir auf und ab gehen, auch in Kälte und bei Regen, darüber reden sie mit den Männern nicht, die ihre Dienste beanspruchen. Dabei sind das oft die einzigen Schweizer, die sie während ihrer Arbeitsaufenthalte in Zürich kennenlernen – neben den Polizisten oder Vermietern, die für ein schäbiges Zimmer mindestens fünfhundert Franken pro Woche abknöpfen, die, selbstverständlich, im Voraus zu bezahlen sind. Die Zimmervermieter bleiben geschickt im Hintergrund und von der gesellschaftlichen Verachtung verschont, der hingegen die Prostituierten vollkommen ausgeliefert sind: Jeder spricht über sie, keiner redet mit ihnen. Von Passanten, Gaffern und vorbeifahrenden Autolenkern werden sie verhöhnt – doch was weiss man schon von ihnen?
Die vier Frauen, die wir am Sihlquai treffen und die uns, mithilfe einer Dolmetscherin, Red und Antwort stehen, sind zwischen 19 und 28 Jahre alt, kommen aus Budapest oder aus dem Osten Ungarns; zwei von ihnen arbeiteten schon in der Heimat als Prostituierte, zwei fingen als Neulinge am Sihlquai an. Ausser Moni, der Jüngsten, haben alle kleine Kinder und sind verheiratet. Sie vermissen ihre Familien schrecklich, schicken so oft wie möglich Geld nach Hause: für die Kinder, die Eltern, die Geschwister. «In ein paar Tagen fahre ich zurück nach Ungarn», erzählt Edina, die Älteste und Erfahrenste. «Ich habe hier innerhalb von zwei Jahren so viel verdient, wie ich es in Ungarn in fünfzig Jahren nicht geschafft hätte. Nun wünsche ich mir nichts anderes, als Hausfrau und Mutter zu sein.»
Moni sagt, sie wolle vier Jahre lang im Sexgewerbe arbeiten und in dieser Zeit Geld für eine Ausbildung sparen. Es sei ganz wichtig, betont sie, dass man rechtzeitig wieder aussteige und ein neues Leben beginne. Renata ist die Frechste von allen vieren und meint, pah, sie könne sich selber schützen, sie brauche keinen Zuhälter. Sie hat schon in Ungarn beschlossen, dass sie, wenn sie mit den Männern ins Bett gehe, damit auch verdienen wolle. Doch selbst sie, die Kecke, die Abenteurerin, träumt von einem ganz normalen, bürgerlichen Leben als Hausfrau und Mutter, in einem kleinen Haus in Ungarn, mit einem netten Auto und vielen, vielen Spielsachen für ihren Sohn. Vater, Mutter und Ehemann wissen, womit sie in Zürich ihr Geld verdient – was alles andere als selbstverständlich ist.
Paulina hüllt sich in eine dick wattierte Jacke, um die langen Stunden in der kalten Nacht zu überstehen. Sie tanzt auf dem Trottoirrand, das gibt ihr warm, und das soll die im Auto vorbeifahrenden Freier auf sie aufmerksam machen. Paulina hat in Zürich mit der Prostitution begonnen und ist, wie alle der befragten Frauen, mit einer Freundin hierher gereist, die ihr von den guten Verdienstmöglichkeiten vorgeschwärmt hatte. Ja, sagt Paulina, am Anfang sei es hart gewesen, und nein, ihre Familie wisse nichts von alldem. Die Mutter schaut während ihrer Abwesenheit zum fünfjährigen Sohn, und für beide schickt sie Geld nach Hause. Fragt man die vier Frauen nach ihren Freiern, so geben sie zurückhaltend Auskunft. Es gebe Anständige und weniger Anständige, heisst es etwa, unangenehm sei es, wenn sie die Preise zu drücken versuchten, küssen wollten oder ungeschützten Sex verlangten. Die fragile Moni sagt, sie fürchte sich vor den Männern, wenn sie hordenweise und angetrunken aufkreuzten. Solche Freier lehnt sie ab und läuft davon, in die Nähe einer anderen Frau, in die Sicherheit.
Dass der Strich am Sihlquai allenfalls bald aufgehoben wird und sich die Prostituierten auf einer Brache am Rande der Stadt anzubieten haben, mit Infrastruktur und Boxen für die Freierautos, das ist unter den Ungarinnen noch kaum ein Thema. Wenn sie an die nahe Zukunft denken, dann ist es jene in der Heimat – zurück bei der Familie, zurück bei den Kindern, für die sie in der Fremde anschaffen und für die sie fast alles tun würden: Löwenmütter eben.
Ganzer Artikel –> nzz.ch
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